Au … Aufschrei 32

Autokosten und Pendlerpauschale: Hartz IV ist für alle da!

Wer will denn noch zur Arbeit fahren?

Neschles und seine Ex-Verlobte hörten jüngst an einer Tankstelle einen jungen (Noch-)Arbeitnehmer sagen: „Dies ist mein letzter Besuch an der Tankstelle. Ich höre auf zu arbeiten und werde Hartz IV in Anspruch nehmen. Dann kann ich mein Auto abschaffen. Mit dem fahre ich sowieso nur zur Arbeit. Rechne ich die Kosten für mein Auto gegen meinen Arbeitslohn, habe ich heute weniger als bei Hartz IV.“ Murmelt es und bezahlt melancholisch seine vorerst letzte Tankrechnung. In bar!

„Außerdem kann ich meine Fahrtkosten zum Arbeitsplatz nicht mehr von der Steuer absetzen. Bei der Pendlerpauschale zickt die Bundesregierung ’rum. Wenn aber schon die Regierung meine Fahrt zum Arbeitsplatz wie eine Urlaubsfahrt behandelt, kann ich auch gleich selbst meine Dauer-Arbeit gegen Dauer-Urlaub nach Hartz IV umtauschen“, zischte er in sarkastischer Verzweiflung.

„Bei meiner Entscheidung muss ich nicht mal beachten, dass meine Miete steigt. Vor allem wegen der Nebenkosten für Heizöl und Warmwasser! Mit Hartz IV bin ich dieses Problem los. Und: Ich kann jetzt auch kostenlos die deutschen Gerichte beschäftigen“, strahlte er in funkelnder Erwartung. „Zeit dafür habe ich dann ja! Heute muss ich auf den Gang zum Gericht verzichten, weil ich weder Zeit noch Geld dafür habe“, schmunzelte er vor sich hin. „Aber dann! Da sollen mich einige mal kennnenlernen.“

„Arbeit betreibe ich nach Abzug aller Kosten heute schon als Hobby. Da kann mir niemand mehr den Sinn meiner täglichen Fahrt zur Arbeit erklären. Ich zahle nun drauf dafür, überhaupt arbeiten zu dürfen, jetzt vor allem wegen der steigenden Auto- und Energiekosten. Mein Entschluss steht fest, Auto und Arbeit ade, ich haue in den Sack“, sprach’s und verschwand durch die Tür. –

Seine Aussage wurde hier sprachlich natürlich „schwer geschönt“. Der Mann sprach natürlich natürlich, also natürlich deftiger und aggressiver. Aber rechnen konnte er und die „Bild-Zeitung“ hilft ihren Lesern ja sogar seit geraumer Zeit dabei. Rechnen konnte der schon deshalb, weil ihn seine wirtschaftliche Lage zum Rechnen zwingt und zum „strategischen“ Nachdenken über den wirtschaftlichen Sinn seiner Arbeit.

Inhaltlich setzt er sich mit seiner Entscheidung für die Inanspruchnahme von Hartz IV in Gegensatz zu etwa einem Drittel der Deutschen, die derzeit noch über die hohen Spritpreise grinsen. Und doch nicht! Denn eigentlich grinst ja auch er!? Er zieht nur einen anderen Schluss als diejenigen, welche die gestiegenen Ölpreise mit einem fröhlichen Grinsen akzeptieren (können). Sein Schluss: Dann nehme ich mal mit sarkastischem Grinsen mein Hartz IV. Das rechnet sich. Für mich!

Dieser Schluss führt uns in makabre Beziehungen zwischen derzeit hohen Spritpreisen und künftigem Rentendesaster. So beutet ein Arbeitsunwilliger unser Sozialsystem aus, weil unser Wirtschafts- und Steuersystem ihn ausbeuten und ihm weniger zugestehen, wenn er Vollzeit arbeitet als wenn er es nicht tut. Ein solches System will solche Menschen gar nicht in Arbeit haben, muss man vermuten.

Unser Staat ist dabei an jeder Preiserhöhung bei Ölprodukten mit 19 Prozent beteiligt, beteiligt sich also auch mit daran, den jungen Mann von seiner Arbeit ins Sozialsystem zu treiben. Wie sagte aber jüngst unser Wirtschaftsminister über die Ölpreise und das völlig ohne „Glos“ im Hals: An den hohen Rohölpreisen könne die Bundesregierung rein gar nichts machen.

Richtig! Das interessiert aber die Menschen erst in zweiter Hinsicht. Keiner von ihnen kauft Rohöl in Barrels. Aber wie teuer das Rohöl nach seiner Verarbeitung bei ihnen ankommt, das kann die Bundesregierung beeinflussen. Und sie tat und tut das auch ganz gewalt(ät)ig. Daher sollte der Glos einen richtigen „Glos“ in seinem fränkischen Hals haben, wenn er so etwas behauptet.

„Ätsch! Machen wir aber nicht die Sache mit der Steuersenkung auf Ölprodukte“, sagt da ein anderer Politiker. „Dann kommen nämlich die bösen Scheichs und die gierigen Spekulanten und erhöhen die Rohölpreise noch weiter.“ – Da fragt sich Neschle allerdings, woher Politiker so schlau sind, wenn das bislang noch nie probiert wurde. Schließlich hätten die Scheichs die Sache mit der Preiserhöhung auch schon früher machen können und haben es nicht getan. Jetzt sind die Preise ohne Steuer da angekommen, wo sie einmal mit Steuer lagen.

Und liebe Politiker, auch die Sache mit der Pendlerpauschale und dem Werkstorprinzip ist leicht zu verstehen. Wenn Ihr wollt! Doch ich fürchte, Ihr wollt gar nicht! Denn dieses „Prinzip“ hat geholfen beim stillen Abkassieren. Früher musste man dazu die Steuer begrifflich tarnen („Kohlepfennig“), heute reicht es, sie grün anzupinseln.

Liebe Politiker, Ihr müsst Euch nur entscheiden, warum der deutsche Mensch diese Erde bevölkert und was der Sinn seines deutschen Lebens ist: Arbeit der Mensch, um zu leben? Oder lebt er allein –schon weil er Deutscher ist –, um zu arbeiten? Das Letztere klingt urdeutsch völkisch und führt uns direkt zum Werkstor und seinem „Prinzip“, das sich in den deutschen Steuergesetzgesetzgeber verbissen hat:

Das „Werkstorprinzip“ setzt nämlich genau das Letztere voraus: Der Mensch lebt (nur), um zu arbeiten! Aus dieser Sicht soll und muss jeder Mensch seiner Arbeit ans Werkstor folgen. Oder sagen wir es böse. Die Philosophie des „Werkstorprinzips“ ist „Arbeit macht den Menschen frei!“ Ein ähnliches „Werkstorprinzip“ hatten wir schon einmal. Es stand sogar in altertümlichen Lettern oben drüber. Überm „Werkstor“!

Arbeitet der Mensch jedoch, um zu leben, hat stets seine Entscheidung über den Lebensmittelpunkt Priorität über die für seinen Arbeitsplatz. Die Fahrt zur Arbeit gehört dann zur Arbeit selbst und deren Zweck, wird also dadurch verursacht. Dieses humane Prinzip des Lebensmittelpunktes führt aber zur vollständigen Abzugsfähigkeit arbeitsbedingter Fahrtkosten.

Die Bundesregierung behandelt sie aber heute nach dem inhumanen „Werkstorprinzip“ als „Steuergeschenk“ und (schon fast) wie eine steuerlich nicht abzugsfähige Urlaubsfahrt. Genau das treibt den „Mann von der Tankstelle“ nun letztlich in den „Dauerurlaub nach Hartz IV“, wie er es selbst sarkastisch nannte. Na wenn das keine Self-Fullfilling Prophecy ist?!

Lassen wir doch alle unser Auto stehen und machen wie er „Hartz IV-Urlaub“! Wenn es nicht so traurig wäre, könnte es wenigstens ein übler Scherz sein.

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2 Responses to “Au … Aufschrei 32”

  1. Neschle selbst Says:

    Hi U all,

    der Artikel passt gut zu folgender Meldung: Derjenige, der die Hitler-Wachsfigur geschädigt hat, muss keinen Schadensersatz leisten, weil er Hartz IV bekommt. Also: Wer soll noch warum zur Arbeit fahren?

    Schönen Sonntag auch

    Neschle

  2. Neschle selbst Says:

    Hallo noch einmal,

    gestern hat unser werter Finanzminister gesagt, die Rückkehr zur alten Pendlerpauschale “bringe nichts”, sondern koste nur Geld.

    Lieber Herr Steinbrück: Wenn sie nichts bringt, dann kann sie auch kein Geld kosten! Denn sie kostet Geld, weil es danach ein anderer hat und dem bringt es etwas. In diesem Fall ist es der Pendler.

    Mit demselben Argument, Herr Steinbrück, kann man auch den Unternehmungen die Abschreibungen verbieten oder den Abzug der Lohnzahlungen. Auch das kostet den Staat und “bringt nichts”.

    Früher hat man noch mit “Steuersystematik” und “Steuergerechtigkeit” argumentieren müssen, heute braucht man offenbar keine inhaltlichen Argumente mehr außer “bringt nichts”.

    Und dass dadurch(!) das Geld für die Hochschulen fehlt, das glauben Sie doch selbst nicht, Herr Steinbrück. Wieviel Milliarden sind an die Banken geflossen? Bei IKB, West LB, Sachsen LB haben Sie schon Milliarden gezahlt? Und das ist noch nicht das Ende. Mit diesem Geld hätten Sie Pendler und (!) Hochschulen zufrieden gestellt! Das Geld fehlt, aber dafür zieht man niemanden wirklich zur Rechenschaft!

    Steinbrück, Steinbrück!

    Euer
    Neschle

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