Au … Aufschrei 48

Kollateralschaden der Verdächtigungsgesellschaft oder Sexismus?

Käßmann-Kalamität und Käßmann-Käse

Keiner wollte ihn, sagen (fast) alle! Dennoch haben wir den Käßmann-Rücktritt. – Weil sie ihn selbst wollte! Doch warum wollte sie etwas, das kein anderer wollte? Und warum üben sich so viele im Verständnis für die Entscheidung, obwohl sie diese sachlich für falsch halten? Was erzeugt hier Wirkungen, die keiner will?

Den Schlüssel dafür gibt uns die Begründung von Frau Käßmann selbst: Sie befürchtet Häme und auf Dauer den Verlust ihrer Autorität als Bischöfin. Und mit dieser Befürchtung hat sie wohl leider, leider recht.

Warum aber stoppen wir nicht bei uns und anderen solche Häme und Missachtung des Menschlichen, das wir für uns selbst jederzeit beanspruchen? Es gibt einen einfachen Grund: Fahrlässige Verdächtigung und grundlose Häme werden bei uns nicht mehr sanktioniert. Verleumderische Gedanken und deren Verbreitung gehören mittlerweile zum „guten“ Ton. Viele freuen sich, davon zu lesen. Der Stil der Regenbogenpresse verbreitet sich schleichend über die gesamte Presselandschaft:

1. Wer wehrt sich denn noch gegen Unterstellungen und flapsige Bemerkungen anderer, wenn Frau Käßmann demnächst bei der Feier des Abendmahls den Kelch mit Wein zur Hand nimmt? Das ist doch chic und amüsant! Geschmacklos? Nee!

2. Was geschieht, wenn Reporter einen misslungenen Einparkversuch von Frau Käßmann beobachten, der jedem auch in nüchternem Zustand misslingen könnte? Es könnte doch sein, dass Frau K. schon wieder

3. Wer fährt denjenigen über ihr Schandmaul, die ins Blaue hinein mutmaßen, der wahre Grund ihres Rücktritts sei gar nicht die Alkoholfahrt, sondern ihr ungenannter Beifahrer? Na, wenn da mal nicht mehr dran ist …!

Keiner! Und nochmals keiner! Die Würde des Menschen ist eben nicht mehr unantastbar. Schon lange wird die menschliche Würde in der öffentlichen Kommunikation lüstern oder böswillig begrapscht. Das Grundgesetz schützt uns nicht mehr, vor uns selbst sowieso nicht. Aber die Würde, die es schützen will, ist „die Würde des Menschen“. Und diese Würde muss doch die Menschlichkeit zulassen, ohne dass dem Menschen seine Würde genommen wird.

Verdächtiger und Lästerzungen, die dem Menschen seine Würde nehmen wollen, finden aber genug Leute, die ohne belastbares Material in dasselbe Horn tuten. In jedem Internet-Chat, in der Regenbogenpresse und heute auch in jeder noch so seriösen Gazette. Das bringt Auflage! Die Gesellschaft schafft es nicht, sich dagegen zu wehren. Im Gegenteil: Es machen immer mehr Leute mit bei den Hetzjagden. Man braucht nur einen Blick in die Chatrooms des Internets zu werfen. Da möchte jeder lynchen und den Strick selbst um den Hals werfen.

So sehen wir zu, wie Geschichten um Lafontaine genauso erfunden werden, wie um die FDP und Guido Westerwelle. „Schuldig sogar ohne Anklage!“ heißt ist die Devise. Wer einmal in den Fokus solcher Spekulationen gerät, über den gießen die Verdächtiger ihre gequirlte Gehirngülle dreckiger Mutmaßungen aus. Ihre Verteidigung haben sie dabei vorweggenommen: „Man hört ja, die Frau …“ „Man sagt ja, der Herr …“. Doch weder hat man Belege noch hat einer etwas gesagt, nur der kleine Satan im eigenen Gehirn!

In genau diesem Stil kommen nun die SexistInnen daher und kreischen auf. Die ganze Sache um Frau Käßmann sei mal wieder nichts anderes als eine Verschwörung der Männer. Denn: „Ein Mann wäre noch im Amt“ (RP v. 26.2.10, S. A8).

Liebe SchwarzerInnnen, woher wisst Ihr das? Ich schwöre jedenfalls hoch und heilig, dass ich mich nicht an dieser männlichen Verschwörung beteiligt habe. Und obwohl ich ein Mann bin, sähe ich die wackere Frau K. viel lieber im Amt. Doch gerade deshalb würde ich an Eurer Stelle nicht solchen Käßmann-Käse auskotzen:

1. Diese Frau ist nicht von Männern aus dem Amt gejagt worden. Ich vermag nicht einmal zu erkennen, dass nur oder gerade Frauen sie unterstützen. Frau Käßmann ist auf eigenen Entschluss gegangen, gedrängt vom Verdächtigungsklima in diesem Land. Die üblichen Verdächtiger hätten sich, siehe oben, in wenigen Wochen schon zu Wort gemeldet. Dann hätten die Leute sich geifernd über Regenbogenpresse, Bunte und Gala gebeugt, und zwar gerade Frauen, denn das ist ihre Presse.

2. Ob jede Frau oder jeder Mann so gehandelt hätte? Das ist reine Spekulation! Dennoch ist Frau Schwarzer „überzeugt(!), dass die Mehrheit der Männer wegen einer solchen Sache nicht zurückgetreten wäre“. Wie ist diese Überzeugung begründet? Was heißt „die Mehrheit der Männer“? Es geht hier um einen Einzelfall! Frau Käßmann ist auch nicht die „Mehrheit der Frauen“!

Daraus „Sexismus“ abzuleiten, zeigt wie wenig heute genügt, um die abstrusesten Vorwürfe zu lancieren. Bald ist jede Institution „sexistisch“, bei der nicht eine Frau an der Spitze steht. Zumindest setzt sie sich diesem Verdacht aus! Dabei sind die Gedanken der VerdächtigerInnen selbst sexistisch geprägt, manchmal sogar allein.

3. „Ein Mann, der trinkt, ist fidel“, sagt Frau Schwarzer in diesem Zusammenhang. Liebe Frau Schwarzer, es geht nicht ums „Fidelsein“, sondern um eine Trunkenheitsfahrt unter gehörigem Alkoholgenuss (1,54 Promille!). Da ist schon fast ein Glück, dass kein Unbeteiligter zu Schaden gekommen ist. Dahinter eine Verschwörung der Männer zu sehen, zeugt von gehörigem Realitätsverlust der SexistInnen.

Doch Bärbel Wartenberg-Potter, bis 2008 Bischöfin in Lübeck und Mitbeteiligte an der „Bibel in gerechter Sprache“, behauptet: „Was bei einem Mann als Kavaliersdelikt bewertet worden wäre, wurde zum öffentlichen Tribunal“.

Wer bewertet denn Trunkenheit am Steuer bei einem Mann als Kavaliersdelikt? Mit 1,54 Promille!? Ich kenne nicht einen einzigen Mann, der das täte. Unsere Rechtordnung jedenfalls auch nicht! Sie sagt: Kein Kavaliersdelikt, egal ob Frau oder Mann. Auch das „öffentliche Tribunal“ vermag ich in diesem Fall vorerst nicht erkennen. Und es wird schon und gerade wegen des mutigen Rücktritts ausbleiben. Im Gegenteil: Ich habe nie zuvor erlebt, dass es nach einer solchen Verfehlung so viel öffentliche Unterstützung gab. Hätte es die bei einem Mann gegeben?

Könnt Ihr SexistInnen nicht begreifen, dass Frau Käßmann vor allem als Mensch (und nicht vor allem als Frau) dieses Amt bekleidet hat? Warum steht die Frage des Geschlechts bei Euch immer vorne an? Wir sind doch nicht überall im Puff! Also warum tut Ihr dann so?

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