Leon Neschle 57 (48. Woche 2009)

Opa-Ration gelungen, Seniorenmenü bereit!

Essbar: geeignet zum Essen und gut verdaulich wie der Wurm für die Kröte, die Kröte für die Schlange, die Schlange für das Schwein, das Schwein für den Menschen und der Mensch für den Wurm. (Bierce)

Überall ist der Wurm drin. Auch in Deutschlands Gastronomie und vielleicht sogar im Salat. Merkel-würdig „deutsch“ ist die Küche geworden, wie Neschles Foto aus Idar-Oberstein beweist. Das ging Neschle dort ziemlich NAHE. Es beweist, dass nicht nur alles im Fluss ist, sondern auch vieles baden geht in der deutschen Esskultur:

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Sicher hat man beim Ratsstübchen im geistigen Oberstübchen von Idar-Oberstein gedacht: „Den Briten und Amerikanern können wir ‚Pizza, Pasta, Steak‘ mal als ‚Delicious German Food‘ anbieten. Die merken sowieso nichts.“ Immerhin hat man den Hamburger weggelassen, obwohl er eigentlich deutscher klingt als Pizza, Pasta oder Steak. Aber man dachte wohl: „Das mit dem Hamburger merken die Amerikaner! Und dass Pizza und Pasta aus Deutschland kommen, weiß hierzulande sogar jedes Kind, und dass ‚Steak‘ ein deutsches Wort ist, wissen selbst die Amerikaner!“

Obwohl?! Neschles Frau hat in England schon eine englische Pizza gegessen. Nach zwei Wochen englischen Essens wollte sie mal etwas anderes und war erstaunt, dass die Engländer eine Variante der Pizza als „Delicious English Food“ kannten: Da lag eine kleine Pizza wie das Auge des Hurrikans reglos genau in der Mitte des großen Tellers umringt von einem breiten Mikado-Kreis an dünnen Pommes Frites.

A. „A Strange Sense of Humor“ oder „Die strenge Sense des Humors“: Deutsches Nationalgericht in Nationalfarben: Currywurst/Pommes

Vorbei ist offenbar die Zeit, wo man den erstaunten und entsetzten Ausländern in Deutschland Eisbein mit Sauerkraut, Rheinischen Sauerbraten (da erzählt Neschle einen vom Pferd) oder Saumagen als typisch deutsche Spezialität servierte. Da musste man sich die Frage gefallen lassen: „You can‘t eat it, can you? … Really?“

Nur weil Altkanzler Kohl kein Englisch sprach, konnte er autistisch (oder authentisch?) als Messias des Pfälzer Saumagens wirken. Nachhaltig war das offenbar nicht, trotz vieler hinterhältiger Angebote an seine ausländischen Gäste, die sie schon aus purer Höflichkeit nicht ablehnen konnten. Am Ende schien zwar der Gast zu sagen, er „mag en“, wenn er das Unwort ‚Saumagen‘ wiederholte. Doch irgendwann kam einer, der Englisch verstand, dahinter: Das „sou, mag en“ sollte nicht „so, mag ihn“ heißen und dann war es vorbei mit dem Missverständnis.

Selbst die berühmte Thüringer Rostbratwurst löste allerdings manchmal bei den geschmacksverpönten Angelsachsen wunderliche Reaktionen aus:

„You tell me to eat this Roast-Brad-Worst as a special dish! But(t), I don’t want the Worst, I only want the Best!“ (Du sagst mir zu essen dies rostige Brät-Schlechteste als besonderen Tisch. Arsch, ich will nicht das Schlechteste, ich will nur das Beste.)

„We Germans do it like Michael Jackson did, when he sang ‘I’m Bad’. He really meant ‘I am even more than super!’ Right, Sir?” (Wir Deutsche machen es wie Michel Jakobsohn. Wenn [oder wo] der sang “Ich bin schlecht!”, meinte er in echt ‘Ich bin sogar besser, wie super!‘ Recht so, der Herr?)

“Right!” (Voll o.k.!)

“You are here in the wonderful City of Bad Kroysneck and you just said ‘Not too bad here’, although we call it simply ‘Bad’.” (Ihr seid hier in der wunderlichen Stadt von Schlecht Kreuznach und habt gerade vernehmen lassen: ‚Gar nicht so schlecht hier!‘ Und das, wo wir das hier schlicht ‚Schlecht‘ [Bad] nennen!)

“Well, why do you call it ‘Bad’? It’s quite nice here!” (Aber warum denn ‚Schlecht‘, Ihr Döspaddel? Ist doch ganz passabel hier?)

“It is our strange sense of humor, which even makes us claim that pizza is a German dish. According to this we think the ‘Brad-Worst’ really is the ‘Brad-Best’.” (Das ist die strenge Sense von dem Humor von uns. Die macht sogar Reklame für Pizza als deutschen Küchentisch. Deshalb ist die ‚Brät-Schlechteste‘ in Echt gedacht auch die ‚Brät-Beste‘.)

“Oh, you crazy Germans really have a wonderful sense of humor, a bit queer though.” (Oh, irre Germanen. Ihr habt voll die wunderliche Sense von Humor. Aber echt schräg!)

Ja, den Humor haben wir Germanen neuerdings sogar mit Löffel und Gabel gefressen, wie das Schild vom Ratsstübchen aus Idar-Oberstein Weiß auf Schwarz ein wenig seltsam beweist. Da stehen wir den Italienern in Nichts nach.

Bei denen Italienern haben viele Gerichte die Nationalfarben Rot-Weiß-Grün: z.B. rote Tomatensoße, weißer Pizzaboden und grüner Spinat. Bei uns Germanen aber gibt es sogar das Nationalgericht in Nationalfarben: Wir kombinieren goldene Pommes, rote Soße und schwarze Wurst zu: Curry-Wurst/Pommes. Wichtig: Die Wurst nur schön schwarz. Sonst ist es nicht das echte Nationalgericht, sondern nur das schlechte Nationalgericht, das mit ,Delicious German Food‘ nicht mithalten kann.

B. “Seniorenmenü” versus Opulenz: Opa-Ration gegen Russen-Ration

Die Deutschen sind gewappnet für das Überleben im Jahre 2060, in dem jeder Dritte über 65 Jahre alt und damit im „klassischen“ Rentenalter ist. Denn es gibt eine Lösung, die dafür sorgt, dass weder die Lebensmittel knapp werden noch die Ökologie durch ein Übermaß an Küchenabfällen gefährdet wird: das Seniorenmenü.

Durch seine in jeder Hinsicht(!) bescheidene Ausgestaltung stellt es sich dem überflüssigen Trend zum Überfluss entgegen, der gerade aus Russland in „unsere“ Urlaubsgebiete überschwappte. Es ist nämlich immer gerade so viel auf dem Seniorenteller, wie der Senior oder die Seniorin gerade essen will: die Opa-Ration.

Wie anders ist es da bei Russens. Das hat Neschle selbst beobachten können:

Zeit zum Abendessen. Die russischen Urlaubsgäste stehen schon vor der noch verschlossenen Tür des Restaurants. Als die Tür öffnet, stürzen sie hinein und die deutschen Gäste haben das Nachsehen.

Obwohl die Deutschen ihnen das ungern nachsehen, ist diese Restauranteroberung der Russen wohl deren Rache für die deutsche Handtuchreservierung der Liegen am Pool. Neschle, der nicht einmal ein Handtuch gelegt hat, kommt trotzdem nicht ans Buffet und beobachtet zwei russische Paare mit je zwei Kindern:

Die Männer haben sich an einen Tisch gesetzt, die vier Kinder an einen anderen. Die beiden Frauen sperren das Buffet ab und schaufeln auf. Oh, da stehen Kirschen in einer großen Schüssel mitten auf dem Buffet! Das mögen die lieben Kleinen sicher. Die Schüssel in eine Hand, einen opulent beladenen Teller mit Gemüse in die andere, so wankt die erste Mutter zum Tisch der lieben Brut. Die zweite schafft mehr. Wie eine Kellnerin hat sie zwei Tiefe Teller in einer Hand, einen mit einem Haufen Kartoffeln, auf dem anderen Berge von Fleisch, in der anderen eine große Schüssel Nachtisch: auch direkt vom Buffet. Alles landet auf dem Tisch der lieben Kleinen. Nun noch vier leere Essteller und auch vier für den eigenen Tisch. Der wird danach zunächst auf ähnliche Weise mit Speisen zugedeckt, so dass man die Tischdecke nicht mehr sieht. Die Ehemänner haben in der Zwischenzeit Getränke bestellt. Und erst als die Speisen auf beiden Tischen überborden, kann es losgehen mit dem Essen.

Die anderen Gäste wundern sich derweil über die leeren Flecken im Buffet, wo die Schüsseln standen, die sich jetzt auf den Tischen der Russen befinden. Ja, meine lieben Germanen: So haben sich die Russen am Morgen über die leeren Liegestühle gewundert, auf denen nur ein Handtuch lag. Und wie die Liegestühle die meiste Zeit des Tages völlig ungenutzt in der Sonne liegen, so sind es nun am Abend die Schüsseln, deren Inhalt fast ungenutzt auf den Tischen der Russen steht.

Denn nur die Männer langen dort kräftig zu. Frauen und Kinder mümmeln lustlos mal hier, mal da an immer neuen Speisen. Zwischendurch lassen sie Schüsseln abräumen, deren Inhalt allenfalls zu 5 oder 10 Prozent genutzt wurde und nimmt neue Schüsseln vom Buffet, ohne dass die erschrockenen Hotelmitarbeiter einschreiten.

Viele Schüsseln sind auf dem Buffet mittlerweile von der fürsorglichen Hotelleitung ersetzt, nur für die Kirschen findet sich offenbar kein Ersatz. Sie stehen kaum genutzt auf dem Tisch der kleinen Russen. Die haben sich ein paar davon gelangweilt an die Ohren gehängt und einige davon sogar gegessen. Doch noch immer steht die riesige Schüssel randvoll da. Die anderen Hotelgäste sind ohne Chance und die Küche wird die ganze Schüssel noch am Abend im Abfall entsorgen. Wir haben es ja!

Nein, was lobe ich mir da doch das Seniorenmenü, das mit seinen übersichtlichen Portionen nicht nur übersichtlich, sondern auch essbar ist, und in seiner konventionellen Geschmacksausstattung wirklich jedem Senior schmecken muss. Das ist nicht nur menschlich, das ist auch ökologisch. Und wir Deutschen sind die Erfinder des Senioren-Menüs mit der Opa-Ration, traditionell einfältig und einfallslos. Aber es wird wenigstens gegessen, was auf den Tisch kommt. Wie früher!

C. „Einen Türken bauen“ oder: Der Italiener von heute ist meist Türke

Die moderne Version von „einen Türken bauen“ ist heute, italienisch essen zu gehen. Bei einem Türken! Denn anders als im Ratsstübchen von Idar-Oberstein sind die meisten Italiener gar keine Deutschen, sondern Türken. Es gibt Orte, da sind die Türken sogar italienischer als die Italiener selbst und besser, zumindest wenn sie selbst auch Wein trinken. Trinken sie keinen Wein, kann man nicht nur die Qualität der Weine, sondern auch die der Speisen meist vergessen.

An der Nahe und in Duisburg hat Neschle den unfreiwilligem Dreifachtest gemacht: 1. Italiener, 2. auf Italienisch getrimmter Türke (Weintrinker),3. auf Italienisch gequälter Türke (Abstinenzler). Alle boten zu vergleichbaren Preisen Speisen nach italienischen Rezepten an und Weine. Ergebnis: Rang 1 für den Wein trinkenden Türken in Kirn an der Nahe und den Wein trinkenden Türken in Duisburg, mit Abstand Rang 2 für die beiden Italiener und wieder mit Abstand dahinter auf Rang 3 die abstinenten Türken. Derselbe Rang gilt übrigens für die Geselligkeit der Restaurants, die Qualität des Services und die Originalität des Eigentümers. Die weintrinkenden Türken waren die besten und originellsten Gastronomen. So wie man sich den Italiener vorstellt!

Ergebnis: Türken können heutzutage die besseren Italiener sein. Wenn das aber so ist, dann sind Pasta und Pizza, vielleicht sogar Steak, auch türkische Gerichte. Und wenn das so ist, dann sind sie quasi auch deutsche Gerichte und das Ratsstübchen aus Idar-Oberstein hat doch recht. Und die moderne Opa-Ration im Seniorenmenü ist nicht mehr Eisbein mit Sauerkraut, sondern Pizza und Pasta. Basta!

 

Kommt Leute habt ein wenig Mut,

es gibt „Delicious German Food“.

Was das ist? Na, viermal raten:

Nee, das ist nicht der Sauerbraten.

Eisbein mit Kraut das war einmal

genauso wie der Räucheraal.

Und Saumagen, das glaubt mir wohl,

isst nur noch unser Helmut Kohl.

 

All das ist heute doch perdü,

selbst bei Senioren im Menü.

Senioren leben heute schon

die neudeutsche Opa-Ration.

Die besteht aus Pizza, Pasta

und ein Steak noch, damit basta.

Das schmeckt dem Senior wirklich gut

als „Delicious German Food“.

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