Leon Neschle 74 (3. Woche 2012)

Die vierte Gewalt und die mulmige Moral der Moralwächter

Substanz hat die Presse erst, wenn sie nicht nur als Meute stark ist.
(Neschle)

Westerwelle, Guttenberg, Wulff … . Die deutsche Presse hetzt ihre Opfer gern als Meute. Und sie zeigt als vierte Gewalt ihre Macht, indem sie Westerwelle aus dem Amt als Parteivorsitzender jagt, Guttenberg in die Arbeitslosigkeit schickt und Wulff (vorerst nur) an den Pranger. Aber man hat den Eindruck: Die Presse will das „Opfer Wulff“ und macht so lange weiter, bis sie den Wulff erlegt hat. Den letzten Wulff in freier Wildbahn. Der ist manchmal zu wild (wenn er auf Mailboxen spricht), zeitweise zu unsicher (wenn er auf Fragen antwortet) und oft zu klein (wenn er sich Vorteile ergattert).

Man kann also der Pressemeute Recht geben, dass dieser Präsident sich als zu klein für sein Amt erwiesen hat: Er hat dumme Sachen gemacht und auf die Aufdeckung seiner Fehler ebenso reagiert. Die Presse hat vom Präsidenten „rückhaltlose Aufklärung“ verlangt. Er hat da wohl „rückgratlose Aufklärung“ verstanden?

Aber was hat ihn zu seinen Fehlern veranlasst? Alles fing an mit dem problematischen Privatkredit und der Ankündigung der BILD, die Sache zu veröffentlichen während der Präsident im Ausland war. – Eine bösartige Sache für einen Präsidenten: Denn während er im Ausland ist, kann er nicht darauf reagieren, ohne seinen ausländischen Gastgeber zu beleidigen. Der erwartet nämlich, dass sich der Präsident während des Besuches auf sein Land konzentriert und sich dort nicht mit deutschen Journalisten oder Problemen herumschlägt. Also muss er Aufschub haben!

Früher musste ein Präsident (oder Außenminister) in diesem Fall gar nicht um Aufschub bitten. Es gehörte zum „Ehrenkodex“ der deutschen Presse, ihn und seine Gastgeber im Ausland nicht mit solchen Fragen zu belästigen. Aber seit den Angriffen auf Westerwelle hält sich die Presse nicht mehr daran, weil ihr ihre Selbstdarstellung wichtiger ist. Der Verstoß der BILD gegen diesen „Ehrenkodex“ hat die Reaktion des Präsidenten erst ausgelöst. Das macht seine Aktionen freilich nicht klüger.

Natürlich war das Gehabe des Präsidenten nicht würdevoll. Aber wenn sich die Presse (nach eigenen Angaben) Sorgen um die Würde des Präsidenten macht, warum schickt sie ihm dann mehr als 500(!) Anfragen nur zu seinem Privatkredit? Kann man die überhaupt noch „würdevoll“ beantworten? Diese Presse macht keine Sorgen um die Würde des Präsidenten. Sie will es ihm be-sorgen! Das geht so weit, dass die niedersächsische Staatskanzlei lahmgelegt wird, weil sie sich sogar mit Fragen zu früheren Schulpraktika von Wulff beschäftigen muss. (Rheinische Post vom 16.1.2012 S. A6) Da geht es nur noch um das Ego der Presse! –

Und bei der „Amigo-Affäre“: Wenn mich ein Freund einlädt und ich seine Einladung annehme: Darf ich das nicht, weil ich ihm qua Amt eine fragwürdige Gegenleistung geben könnte, ja könnte!? Dann müsste man allen Amtsträgern alle persönlichen Freunde, deren Einladungen und Geschenke verbieten. Künftig will die Presse dann wohl entscheiden, mit wem Gabriel, Künast, Roth, Steinmeier, Merkel, … befreundet sein dürfen? Und wer wem was schenken darf?!

Wer aus jedem Geschenk einen Bestechungsversuch macht, der sollte das auch beweisen müssen(!). Sonst wird auch jeder haltlos Beschuldigte mit einer Umkehr der Beweislast konfrontiert. Wessen immer man ihn beschuldigt, er wird beweisen müssen, dass er unschuldig ist, auch wenn man ihm 1.000 Fragen dazu stellt.

Bei Westerwelle hat die Presse es mit unbewiesenen Verdächtigungen versucht, nun bei Wulff. In keinem Fall hat man bislang trotz der Bemühungen ganzer Herrscharen selbsternannter Inquisitoren und Moralwächter „politische Gegenleistungen“ nachgewiesen (Das war anders im Fall Guttenberg, der allerdings ähnlich begann). Immer wieder bloße Verdächtigungen, für die sich der pressegestützte Verdächtiger nicht mal entschuldigen muss, geschweige denn haften, auch nicht wenn er dadurch ganze Karrieren zerstört (wie die des Entertainers Andreas Türk). Die einzige Institution, die – obwohl wie die Lynchjustiz, dazu nicht legitimiert – noch lebenslange Strafen verhängt, ist die Presse. Dazu muss man nicht mal gemordet haben.

Aber das hat bei Wulff noch nicht „funktioniert“, denn der ist bislang im Amt geblieben. Wenn man sich fragt, welche Vorwürfe gegen ihn wirklich schwerwiegend oder justiziabel sind, dann bleibt bislang nicht viel, außer seinem recht würdelosen Gezappel.

In die Pressefreiheit soll er eingegriffen haben?!

Das widerlegt die Presse schon selbst, indem sie sich in seinem Fall der angeblich von ihm eingeschränkten Freiheit besonders opulent bedient.

Aber er hat Journalisten doch mit Klage gedroht?!

O.K., klug war das nicht. Da hat er Macht und Meute unterschätzt. Und die Macht der Meute. Aber seit wann steht die Presse denn über dem Gesetz, wie einige Journalisten (und Leser) das offenbar meinen, wenn sie das als Versuch zur Einschränkung der Pressefreiheit werten? Wenn nicht einmal ein Richter hier Kontrolle ausüben darf, wer soll es denn sonst tun bei einer zur Selbstkontrolle unfähigen vierten Gewalt, die sich immer mehr anmaßt, die erste zu sein?

Das alles ist sehr schwach und das weiß die Presse auch. So landet man am Ende im Bobbycar-Journalismus. Deshalb sucht die Presse es nun fieberhaft und manisch mit hunderten von Rechercheaufträgen, um ja nicht von ihrem angeschlagenen Opfer abzulassen. Und dabei wärmt sie alte Geschichten auf, z.B. das „Upgrading“ im Flugzeug: Warum aber sollte Herr Wulff darauf verzichten? Hätte das ein Pressevertreter auch getan? Welche Gegenleistung hat Herr Wulff dafür gewährt? – Weiß keiner! Dann einfach mal die Klappe halten und erst reden, wenn man was weiß!

Politische Gegenleistung oder nicht? Das ist nach Ansicht einiger Journalisten sogar egal: Entscheidend sei die Vorteilsnahme, die Wulff wegen seines Amtes gewährt wurde. Das gibt es bei der Presse natürlich überhaupt auf gar keinen Fall gar nicht?!? Nicht???

Unter www.pressekonditionen.de sind 1312, bei www.journalismus.com über 1.700 Vergünstigungen vom Auto über Eintrittskarten bis zu Reisen nur für Pressevertreter verzeichnet, die diesen allein qua Amt zukommen können. Gar nicht zu reden von den hier nicht verzeichneten kostenlosen Zugängen zu Veranstaltungen und den Buffets mit Speis und Trank. Aber das gibt es natürlich nur so und wird nie in Anspruch genommen: Alle Pressevertreter lehnen jede Vorteilsnahme qua Amt strikt ab! Sonst könnte man ja ihre Unabhängigkeit anzweifeln.)[1] – Aber wer sollte das tun? Da ist man klar im Vorteil. Das kann nur die Presse selbst. Aber wird sie es auch tun?

Deshalb ein Vorschlag von Neschle: Zur Selbstreinigung nach ihren eigenen Kriterien sollte die Presse alle Journalisten benennen, die schon einmal Presserabatt in Anspruch genommen haben und dadurch (durch nichts sonst gerechtfertigte) Vorteile aus ihrem Amt gezogen haben! – Neschle ist sicher: Da bleibt keiner ungenannt!

Dennoch würde der folgende Leserbrief nie gedruckt werden: Jeder Journalist, der einen Politiker der Vorteilsnahme bezichtigt, sollte zuvor beweisen, dass er selbst niemals einen Presserabatt akzeptiert hat. – Die Presse druckt nämlich nie Leserbriefe, in denen Pressevertreter kritisiert werden. Sie übt weder umfangreiche und tiefgehende Selbstkritik noch lässt sie sich gern von anderen kritisieren. Das Recht zur moralischen Kritik beansprucht sie für sich allein. Da hat Neschle einige Erfahrungen.)[2]

„Schlampige“ (knapp) 50% aller Deutschen sind die WULFF-Debatte leid, 100 % der Presse macht einfach weiter. Keines ihrer Organe würde je ein anderes dafür kritisieren. Die Presse jagt in der Meute. Herdenverhalten wird an der Börse kritisiert, weil dadurch sachlich nicht gerechtfertigte Spekulations-Blasen entstehen. Da die Presse immer auf Baisse spekuliert wie im Fall Wulff (oder Westerwelle oder Guttenberg oder… oder), ist es eine „negative“ WULFF-Blase, die Fakten nach unten hin maßlos übertreibt und von unwirklichen Spekulationen begleitet wird.

Am Ende wird die Ökonomie sprechen:

Nach solchen Pressekampagnen bekommen wir für dasselbe Geld nur schlechtere Politiker oder sie werden teurer. Denn wer würde sich diesen Job künftig noch antun? (Fragen wir doch mal einen aus der Meute, ob er auch Hase spielen würde?)

Das aber ist ein Ergebnis, das das deutsche Volk nicht braucht. Das ist sein Opfer für das EGO seiner egomanischen Presse, die nur noch sich selbst und ihre Fragen sieht. – Und jetzt: BILD Dir Deine Meinung!

 

BILD zu lesen, heißt nicht, im Bilde zu sein

Vielleicht sogar:

Bild zu lesen, heißt, nicht im Bilde zu sein

 

Die Presse, früher und auch heute,

fast immer den Alleingang scheute.

Sie stürzte sich vielmehr als Meute

Auf prominente, fette Beute.

 

Selbstdenken kann man sich dann schenken,

wenn andere für einen denken.

Im Tross kann man auch besser henken

Und Promis in den Grund versenken.

 

Dieses Verhalten in der Herde,

lässt an der Börse Blasen werde(n))[3].

Schafft keine wahren, nur verkehrte

Informationen ohne Werte.

 

Wer selber sich zu denken weigert,

die Meinung andrer übersteigert.

Auch wenn der Einzelne sich irrt,

wird’s tausendfach multipliziert.

 

Man sollte nie der Presse drohen,

sonst fällt die Meute bald mit rohen

Verdächtigungen über einen her

Und dann bereut man das meist sehr.

 

Mit Hilfe von Verdächtigungen

Ist es der Presse stets gelungen

Die Beweislast umzukehren

Dann muss sich halt das Opfer wehren.

 

Ansonsten weiß man lange schon,

ist vieles hier Spekulation,

und hinter mancher Meldung Hohn,

da steckt sogar Manipulation.

 

Auch wenn die Presse oft verführt,

sie wird nicht gerne kontrolliert,

ihr fehlt nicht wenig, sondern volle

Demut für echte Selbstkontrolle.


[1] Peter Diesler schreibt dazu am 24.02.2001: „Als Administrator erlaube ich mir kurz zu erklären, daß wir KEINEN Passwortschutz machen wollen. Und zwar aus inhaltlichen Gründen …. Ich bin der Meinung, daß alle Welt wissen soll wie es bei Journalisten zugeht. Das mag für manchen peinlich sein, aber es ist die Realität. Wir können nicht von Politikern verlangen, daß Sie uns Ihre Einkünfte offenlegen, wenn wir selber uns vor der Öffentlichkeit verstecken wollen. Insofern dient das Presserabatt-Forum zwei Funktionen - es fördert den Austausch und ermöglicht auch den Kollegen Zugang zu Insider-Vergünstigungen, die sie andernfalls vielleicht nicht haben. Anderseits dient dieses Forum dazu, uns unsere Schlampigkeiten im Umgang mit Rabatten bewußt zu machen. Ob man das Dialektik nennt, weiß ich nicht, jedenfalls soll jeder lesen was hier passiert. Damit sollten wir uns auseinandersetzen und es nicht verstecken“ (Fettdruck Neschle). Neschle nennt das nicht „Dialektik“, sondern „Doppelmoral“. Denn es kommt ja auf die „Annahme“ dieser Vergünstigungen qua Amt an, die hier sogar besonders gepflegt wird.

[2] Ein Beispiel nur von mehreren: Am Rande einer Veranstaltung in Berlin stellte Neschle einem Pressevertreter arglos die persönliche Frage, ob er schon einmal Presserabatt in Anspruch genommen habe. Die explosionsartige Reaktion: „Natürlich nicht! Niemals! Sie können hier doch nicht pauschal die Presse beschuldigen!“ Neschle: „Entschuldigung! Das war eine persönliche Frage. Ich habe auch weder Sie noch die Presse allgemein beschuldigt. Aber Sie müssen das ja als Beschuldigung empfinden. Natürlich nimmt niemand von der Presse diese Rabatte in Anspruch. Deshalb gibt es ja so viele!“ Wütend verließ der Pressevertreter die Veranstaltung und Neschle war fassungslos.

[3] (Hessisch ginge es noch, so aber unerträglich!)

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2 Responses to “Leon Neschle 74 (3. Woche 2012)”

  1. Neschle selbst Says:

    In der vergangenen Woche hat Neschle mehr als zehnmal versucht, z.B. bei t-online Kommentare zur Diskussion um Wulff zu platzieren, die auch auf Presserabatte hinweisen. Diese Kommentare wurden sämtlich von der Redaktion entweder schon vorher aussortiert oder - bei versehentlicher Freischaltung - nach kurzer Zeit wieder gestrichen.

    Das zeigt, wie selbstgerecht unsere Presse mit der Vorteilsnahme qua Amt umgeht!

  2. Neschle selbst Says:

    Nun ist er erledigt, der Wulff. - Mein Artikel wurde zum Teil missverstanden, dass ich Wulff damit in Schutz nehmen wollte. Das stimmt nur insoweit, als ich nichts von Hetzjagden halte und auch nicht von dem Verhalten einer Presse, die sich über jeden Anstand und jede Konvention hinwegsetzt, nur um eine Meldung zuerst zu bringen. Ansonsten glaube ich noch immer, wie oben geschrieben, dass er sich als “zu klein für sein Amt” erwiesen hat. Doch er scheint durch die Treibjagd auf ihn merklich gewachsen: Sein Abgang war (alles in allem) aller Ehren wert!

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