Leon Neschle 32 (47. Woche 2007)

Zwei-Master, Drei-Master, Vier-Master segeln im rosaroten Bildungs-Mehr.

Ick heff mol een Hamborger Vier-Master (sprich: Mah-ster) sehn, to my hooday, de Master (Original: Masten) so scheep as den Schipper sien Been, to my hooday, hooday, ho – ho – ho – ho! Blow boys blow for Californio there is plenty of gold so I am told on the banks of Sacramento

(Volkslied; “Master” ist eine alte Bezeichung für “Kapitän”)

Ginge es nach deutschen Bildungspolitikern, dann sollten sich 80 Prozent aller Studenten mit dem Bachelor-Abschluss begnügen. Denn das soll der massenhaft arbeitsmarktfähige Abschluss sein! Nur 20% der Studenten sind für den weiterführenden Master-Abschluss vorgesehen (Leon Neschle 1).

Doch darum scheren sich weder Wirtschaft, noch Absolventen, noch (Fach-)Hoch-schulen. Im Gegenteil: Es gibt sogar den Trend zum mehrfachen Master. So entstehen Zwei-Master, Drei-Master oder Vier-Master, der Bildungspolitik zum Trotz. Die segeln frisch und „unbillig“ aufgetakelt durch das rosarote Bildungs-Mehr nach Bologna. Dazu werden immer neue Master-Studiengänge aufgelegt mit den skurrilsten Ausrichtungen. Wie beim Hamburger Vier-Master spielen auch „Goldgräber“ und Drang in die USA eine wichtige Rolle, wie schon bei der Titel-Amerikanisierung.

A. Irgendetwas läuft da schief, der Master ist konsekutiv!

Wenn man etwas neu macht oder gnadenlos abkupfert, was woanders eher schlecht als recht funktioniert, sollte man eigene Vorbedingungen und Tradition nicht außer Acht lassen. Nicht auf jeden Topf passt jeder Deckel, auch nicht einer aus Bologna. Und der Topf ist die Ausgangslage in Deutschland:

Die Fachhochschulen boten hierzulande mit ihrem Kurzzeitstudiengang im Grunde schon das Bachelor-Modell. Sie waren auch bereits stärker verschult als die Universitäten. Den Unterschied im Bachelor-Modell machen daher fast allein zwei Dinge:

  1. Die durch „Work Loads“ strikt vorgegebenen Zeitmuster beim Bachelor, die allerdings durch Einräumen von Vor- und Nachbereitung für die Veranstaltungen doch wieder beliebig gestaltbar sind.

  2. Die von Spöttern „Messer-und-Gabelkurse“ genannten Zwangsprisen an „Allgemeinbildung“ und „Schlüsselqualifikationen“, die im Studienablauf absolviert und auf die Leistung angerechnet werden müssen. Von Präsentationstechniken und Sprachen bis hin zu Rhetorik oder Geschichte erhöhen sie vor allem die Bedeutung der Geisteswissenschaften, wirken als internes Beschäftigungsprogramm für deren Vertreter, natürlich auch an den Universitäten.

Die Universitäten boten mit dem Diplom vormals so etwas wie den Master, aber nie so etwas wie einen Bachelor. Ihr Studium war bei weitem nicht so reguliert, selbst wenn man vom Grundstudium absieht. Es war ein Dschungel für mutige Einzelkämpfer. Das sorgte bei den Schwächeren für lange Studienzeiten und viele Studienabbrecher, zumal die Leistungskontrolle erst in einer Abschlussprüfung am Ende des Studiums bestand. In dieser „Gesamtprüfung“ wurden die Fächergruppen (bei Neschle waren es fünf) in mehrstündigen Blocks abgeprüft: Egal wie viel Party die Studenten zwischendurch gemacht hatten, nur diese Abschlussprüfung zählte.

In dem Maße, wie bereits im Vorfeld des Bologna-Prozesses studienbegleitende Prüfungen in den Semestern die Abschlussprüfung abgelöst hatten, verringerten sich die Studiendauer, die Zahl der Studienabbrecher und Studentenpartys, die Zeit nach Semesteranfang für den Beginn der raren Rest-Partys, der Besuch auf diesen, aber auch die Fähigkeiten der Studenten, Zusammenhänge zwischen den Teilgebieten der nun einzeln und nacheinander abgeprüften Studienfächer zu erkennen.

Hätte man die Reform hier gestoppt und auf Bachelor und Master verzichtet, hätte man die meisten Ziele der Studienreform schon erreicht. Aber schon hier gab es die kollaterale Schädigung der besonders Fähigen, Kreativen und Motivierten. Die bedurften einer solchen Reform nämlich nicht. Die starren Prüfungsrhythmen behinderten sogar ihre individuelle Zeitplanung und den gezielten Aufbau ihrer Potenziale.

Doch die bildungspolitischen Ziele wollten „mehr“(?): Sie wollten einen früheren praxisverwertbaren Abschluss in verwertbarer Menge auch an den Universitäten, weil die Fachhochschulen allein diesen nicht bieten konnten. Der „Bachelor“ sollte der Abschluss für die Masse aller Studenten werden, auch für potentielle Studienabbrecher und Langzeitstudenten an den Universitäten.

Dazu hätte es gereicht, den Universitäten zusätzlich den Bachelor aufzudrücken. Heute legen aber faktisch alle Hochschulen in Deutschland Bachelor- und Masterprogramme auf, Universitäten wie Fachhochschulen. Die Fachhochschulen erhielten dabei mit dem Master ein „Upgrading“: Das aber trägt stark dazu bei, die bildungspolitischen Ziele für den Bachelor zu verfehlen, wie Neschle noch zeigen wird.

Man könnte nun meinen, diese Abschlussvielfalt sei bereits durch die frühere Gesamthochschule vorweggenommen. Diese vereinte Fachhochschul- und Universitätsstudiengänge und damit auch deren Abschlüsse. – Doch weit gefehlt; denn die Gesamthochschulen folgten dem Ypsilon-Modell. Das sah eine frühzeitige Trennung von kürzerem Diplom I (Fachhochschulabschluss, meist sechs Semester) und längerem Diplom II (Universitätsabschluss, meist acht oder neun Semester) vor. Das Ypsilon hatte also verschieden lange Enden. Formal gesehen! Denn die Regelstudienzeiten wurden meist überschritten, beim kürzeren Diplom I noch deutlicher als beim längeren Diplom II. Es gab sogar Gesamthochschulen, da waren die Äste der Ypsilons faktisch gleichlang. Vom formal „kürzeren“ Diplom I blieb da nicht viel.

Nach dem Y-Prinzip mussten spezielle Lehrveranstaltungen allein für den Fachhochschulstudiengang angeboten werden. Die Verzweigung des Ypsilons musste zudem fast von Beginn an erfolgen. Dekane einer Gesamthochschule verbrachten damals viel Zeit für den Beleg, dass an ihrem Fachbereich das Ypsilon-Modell streng realisiert wurde und keinesfalls das vom Ministerium streng verpönte „Konsekutivmodell“. Neschle kann von jahrelangen Diskussionen mit seinem Ministerium genau darüber erzählen, welche die Verabschiedung von Prüfungsordnungen an seiner Gesamthochschule ebenso lange verzögerten.

Das „Konsekutivmodell“ hätte nämlich bedeutet: Erst machen alle Studenten den Fachhochschulabschluss, danach noch einige den universitären. Da hätten Kurz- und Langzeitstudenten zunächst alle Lehrveranstaltungen der Kurzzeitstudenten gemeinsam besucht. Das aber durfte damals keinesfalls sein! Genau das machen wir jedoch heute mit Bachelor und Master. Was früher falsch war, ist heute richtig!? Neschle muss heute also die alten Argumente des Ministeriums vergessen, denn dessen Horn tutet heute völlig anders.

Mit dem Diplom I hatte man an der Gesamthochschule formal einen Abschluss, der dem der Fachhochschule gleichgestellt war. Man hatte damit auch als Student subjektiv das Gefühl, einen „Abschluss“ im wahrsten Sinne des Wortes zu haben. Denn erstens war es der höchste Abschluss, den eine Fachhochschule zu vergeben hatte, und zweitens war es das Ende dieses Zweiges des Ypsilons. Und wo finden wir einen „Abschluss“, wenn nicht am Ende?

B. Der Bachelor fällt durch: ein Abschluss, der kein „Abschluss“ ist.

Der Amerikaner ist mit jeder Graduierung („Graduation“) zufrieden, der Deutsche will einen Abschluss. Der Deutsche will nicht nur graduell weiterkommen, er will „fertig“ sein, zu Ende studiert haben. Ein „Examen“ will er: mit „Ex“ und „Amen“!

Im Rahmen des „Konsekutivmodells“ ist der „praxisgerechte“ Bachelor aber nur Vorstufe zum Master. Hat sich der Deutsche nun aufgeschwungen, Geselle (Bachelor) zu werden, will er auch Meister (Master) sein. Nur dann ist er „fertig“. Sonst ist er nur einen Schritt weiter, nur „graduell“ fortgeschritten oder eben „graduiert“. Daher will fast jeder weiter machen, sogar besonders stark, wenn er ein schlechter Bachelor war. Denn den kann er durch einen guten Master-Abschluss vergessen machen.

Früher stand der kürzere Abschluss an Fachschulen dort am Ende aller Hochschultage und war das Ende aller Dinge. Der Bachelor von heute ist es nicht mehr. Wie aber soll man aber da den Bachelor als „Abschluss“ empfinden? Und auch das Y-Modell ist ja nicht mehr a jour. Dennoch stellen sich Bildungspolitiker vor, dass 80 Prozent der Studierenden einen „Abschluss“ als Abschluss akzeptieren sollen, der nirgendwo einer ist?! Weil es danach an jeder Hochschule weitergeht. Zum Master, Zwei-Master oder sogar mehr im rosaroten Bildungsmehr nach Bologna!

Da allerdings auch in der Wirtschaft die Akzeptanz des Bachelor-„Abschlusses“ geringer ist als von der Politik erwartet, stärkt das die Nachfrage der Studierenden noch weiter nach dem Abschluss, der wirklich als Abschluss gilt: dem „Master“! Und er wird ja auch überall gern angeboten, am liebsten von den Fachhochschulen und neukonstruierten „Business Schools“, die auch außerhalb der Hochschulen wachsen.

Weil vor allem Berufstätige bereit sind, für den Master-Abschluss zu zahlen, und die öffentlichen Hochschulen auf dieses Geschäft nicht vorbereitet sind, sprießen diese „Business Schools“ wie Pilze aus dem Boden, giftige und ungiftige. Orchideenhafte Schöpfungen erhalten politische und finanzielle Unterstützung in einem Maße, das den staatlichen Hochschulen im Zuge eigener Sparmaßnahmen immer fremder wird.

Fachhochschulen sehen im Master-Abschluss ihre Chance, mit den Universitäten gleichzuziehen und widmen ihm deutlich mehr Energie als die Universitäten. Neschle konnte es schon an der Gesamthochschule beobachten: Dort drängten die Fachhochschullehrer so sehr in den universitären Bereich, dass die Fachhochschulstudiengänge nur durch massiven Einsatz der Universitätsprofessoren aufrecht erhalten werden konnten (Neschle 1). So ist er eben der Mensch! Auch der akademische.

Die Universitäten sehen sich mit dem aufgezwungenen Bachelor-„Abschluss“ in der Verteidigung. Ihr Trick, ihren Bachelor in Abgrenzung zu den Fachhochschulen nicht „Bachelor of Arts“ zu nennen, sondern „Bachelor of Science“ ist von den Fachhochschulen längst durchschaut. Und niemand verbietet diesen und diversen außeruniversitären Business Schools, ihre Bachelor und Master selbst dann „of Science“ zu taufen, wenn sie tatsächlich eher „off Science“ sind. Und das machen sie auch! Wie mit allem anderen, was sie noch von den Universitäten unterscheidet. So bezeichnen sich Fachhochschulen international als „University“, wo auch das „of Applied Science“ mal wegfällt. In Deutschland nennen sie sich einige schlicht „Hochschule“ ohne „Fach“, wie etwa die von und zu Krefeld am Niederrhein.

Klarheit und Durchschaubarkeit der Bildungsabschlüsse nehmen zugleich rapide ab. Von einem Master-Programm werden bestimmte Bachelor-„Abschlüsse“ als Eintrittsvoraussetzung abgelehnt, die ein anderes problemlos anerkennt. Manche Master-Abschlüsse werden als Zugang für Promotionen akzeptiert, andere nicht. An jeder Hochschule jedoch andere! Der Beliebigkeit und Willkür sind Tür und Tor geöffnet.

Apropos „Tor geöffnet“. Nie hatten die „Weltmeister im Durchwursteln“ mehr Möglichkeiten. Wer sich an der richtigen Stelle durchwühlt, hat größte Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss. So hat sich der Master heute selbst dem „Tor geöffnet“.

C. Mark war damals! – Heute ist Shopping mit Marks und Euro!

In diesem Gewühl und Durcheinander von Abschlüssen der unterschiedlichsten Inhalte und Qualitäten gibt es zwei individuelle Probleme:

  1. Wie mache ich meinen Abschluss möglichst gut? Das ist die operative Frage. Die richtet sich auf die Noten. „Noten“ heißen englisch „Marks“. Das ist die Währung! Um die es geht bei der „Graduierung der Höhe nach“.

  2. Wo mache ich richtigerweise meinen Abschluss? Das ist die strategische Frage. Die Währung wird hier immer mehr der Euro, wobei die Dollars kräftig, die Pfunde noch ein wenig im Spiel sind bei der „Graduierung dem Grunde nach“.

Früher wurde das erste Problem von schwächeren Studenten so gelöst, dass sie die Wahl der Fächer nicht nach Neigung vornahmen, sondern nach dem Prinzip des „dünnsten Brettes“. Dort leicht eingefahrene Noten erhoben sich in ihrem Zeugnis leuchtend über die Noten aus den zwangsweise zu belegenden Fächern. Das hatte allerdings eine Nebenwirkung, wollte man bei der Berufswahl seine Neigungen sprechen lassen: Die entsprechenden Fächer waren auf dem Zeugnis nicht vertreten.

Heute ist das anders. Es gibt die internationale Anerkennung von „Marks“ rund um den Globus, von New York bis Wladiwostok, von Sydney bis Oslo. Also kann man seine Marks da abholen, wo es die besten Wechselkurse fürs eigene (Un-)Wissen gibt. Neschle kann dazu zwei statistische Daten liefern: 1. die Zahl der Anerkennungen von „Marks“ ausländischer Hochschulen hat sich bei ihm in den letzten fünf Jahren etwa verdreißigfacht; 2. diese „Marks“ liegen im Schnitt mehr als eine Note über den Noten, welche dieselben Studenten an der deutschen Universität erzielen.

Der Professor kann nur prüfen, ob sein Gebiet von der Lehre an der anderen Universität abgedeckt ist, aber Stil und Inhalt der Prüfungen bleiben ihm verschlossen. Erkennt er einmal die Vergleichbarkeit der Inhalte des Lehrplans und die „Gleichwertigkeit“ des Prüfungen an, darf er nur die „Marks“ der meist ausländischen Universitäten mechanisch in die deutsche Note umrechnen, nach einem vorgegebenen Umrechnungsschlüssel.

Diese „Marks“ tauchen als deutsche Noten auf dem Zeugnis auf. Die deutsche Universität(!) bescheinigt dem Studenten damit seine Kenntnisse. Der Student kann folglich die Reputation von Universität A nutzen, um sich von ihr auf ihrem Zeugnis seine Leistung an der Universität B bescheinigen zu lassen. Sein Entscheidungsproblem: Erbringe die Leistung da, wo es leicht ist und die „Marks“ hoch sind; lasse dagegen die Leistung bestätigen, wo die Reputation hoch und es schwer ist, hohe „Marks“ zu erreichen. Ein munteres Noten-Shopping, bei dem mit „Marks“ bezahlt wird! –

Das zweite Problem der „Graduierung der Grunde nach“ löst sich eher über Euro und Dollar. Es wird es nämlich immer wichtiger, dass man sein Zeugnis von der „richtigen“ Stelle hat. Da ist es wie beim Fußballspiel: Früher kam es dort darauf an, dass man von seinem Platz das Spiel gut einsah. Heute vor allem darauf, ob man es vom Stehplatz in der Nordkurve verfolgt oder aus der VIP-Lounge. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob man das Spiel von der VIP-Lounge auch besser wahrnimmt.

Was will uns Neschle damit sagen? Ist man einmal in der VIP-Lounge von Harvard, gilt man auch mit weniger Kenntnissen und Einsichten mehr als der Absolvent einer Wald- und Wiesen-Universität:

Eine amerikanische Studentin berichtete Neschle, in Harvard werde von einer ihrer früheren Dozentinnen derselbe Marketing-Kurs angeboten wie an ihrer eigenen Universität in Texas. Gegen eine Absolventin von dort hätte sie aber trotz gleicher Inhalte selbst bei besseren Noten von derselben Dozentin keine Chance am Arbeitsmarkt.

Was mache den Unterschied, wollte Neschle wissen, obwohl er es schon wusste? Vor allem das höhere „Eintrittsgeld“, das ihre Konkurrentin habe zahlen können. Und die Reputation von Harvard, die sich auch auf schwächere Absolventen übertrage. Mit „Leistungsgesellschaft“ habe das nichts mehr zu tun. Auch nicht mit „Geisteselite“. Es sei im Grunde eine neue Art ausgrenzender „Adelsherrschaft“.

Was „Elite“ sei, bestimme nicht das Ausbildungsprogramm oder die Leistung der Studierenden, sondern fast allein die „Zugehörigkeit“. Die aber werde erkauft: Wer „zugehörig“ zur „Elite“ sei, lege zu 98 Prozent die Studiengebühr fest, nur zu 2 Prozent die reine Leistung. Diese 2 Prozent definierten den kümmerlichen Rest der amerikanischen „Leistungsgesellschaft“. Bessere Leistung und doch kaum eine Chance! Das gelte für alle, die nicht an einer „Elite-Universität“ studiert hätten. Warum also nicht „Bachelor“ bleiben? – Ist das am Ende auch der deutsche Weg zum Bachelor?

Neschle wertet das mal nicht. Er überlässt es dem Leser, sich Gedanken über die künftige Entwicklung der Bildung in Deutschland zu machen. Und darüber, was künftig die Türen zu attraktiven Jobs öffnet!

D. Zwei-, Drei- und Vier-Master: Volle Fahrt voraus im Bildungs-Mehr!

Mehrere Universitäten in Deutschland pflegten in der Zeit vor „Bachelor“ und „Master“ ein Austauschprogramm mit amerikanischen Universitäten:

Nach der Zwischenprüfung, also günstigstenfalls nach vier Semestern, konnten sich deutsche Studenten in ein Master-Programm der amerikanischen Partneruniversität einschreiben. Dieses Programm hatte einen definierten Lehrinhalt, der bei entsprechendem Arbeitseinsatz der Studierenden innerhalb eines Jahres zum Master-Abschluss führte.

Der Mastertitel war also recht schnell erreicht. Wegen des Engagements deutscher Studenten schafften es auch ansonsten mittelmäßige Studenten in den USA zu einem „Best in Class“. Dennoch mussten sie im Durchschnitt noch zwei Jahre „nachsitzen“, bis sie ihr Diplom von ihrer deutschen Hochschule in der Tasche hatten.

Neschle fühlt sich daher immer „voll wie ne leere Flasche, aber voll“, wenn er von Leuten hört, die den Mastertitel über dem Diplom ansiedeln. So ging ein Bekannter von Neschle mit seinem Sohn zu einer Fachhochschule, um ihn dort zum Bachelor(!)-Studium anzumelden. Es passt zum neuen Stolz der Fachhochschulen, dass er von einem dortigen Hochschullehrer trotzdem kaum etwas über den Bachelor und sehr viel über das „neue Master-Programm“ erfuhr: Natürlich sei „der neue Master über dem traditionellen Diplom einzuordnen. Auch über dem der Universitäten!“ Da kriegt der Neschle wirklich Pickel! –

Aber was geschieht bei einem deutschen Master mit dem partnerschaftlichen Master-Programm an amerikanischen Universitäten. „Nichts“, erfuhr Neschle jüngst, „es wird weitergeführt“. Dann erwerbe der Student erst den amerikanischen, dann den deutschen Mastertitel. Master im Doppelpack! In diesen „Zwei-Master-Programm“ gebe es Synergien, so dass für beide Master-Titel nur die etwa 1,2-fache Leistung genüge.

Einen solchen Zwei-Master kann man nur als „Schoner“ bezeichnen. Da musste der Wirtschaftsingenieur für sein Doppel-Diplom schon(ungslos) mehr tun. Und manchmal bekam er dafür nur ein einziges Diplom. Künftig wird es allerdings mindestens ein „Zwei-Master“ sein. Wird er zudem in ein Auslandsprogramm einbezogen, ist es ein „Drei-Master“ und ein ansehnliches „Linien-Schiff“. Das durchkreuzt allerdings die „Linie“ der deutschen Bildungspolitik und ist deshalb wohl zugleich ein „Kreuzer“. Vielleicht sogar mal als Vier-Master und nicht nur aus Hamburg! Heute kommen solch hochgemästete Mehr-Master nämlich auch aus Hessen oder Bayern!

Schon spekuliert Neschle auf Rabatte beim Drei- und Vier-Mastern nach dem „Schoner-Prinzip“. Gibt es künftig den Vier-Master für die nur zweifache Leistung? Dann könnte sich jede Rabattaktion bei „Geiz ist geil“ dahinter verstecken. Das sind Rabatte wie bei Ramschware am Rande der Cranger Kirmes: „Nehmen Sie diese Blume – und Sie kriegen noch diese, diese und diese obendrauf! Und alles für …(?)“ Bei solchen Gewächsen im deutschen Bildungsgarten ist Neschle nur noch (un-)billig zumute. Welch ein Wildwuchs! Welche Gärtner!

 

Mastertitel, Bachelor,

uns kam’s mal amerikanisch vor.

Doch im Bologna Bildungs-Boom

(sprich „Bohm“; übersetze: „Wahn“)

da opferten wir das Diplom.

Politik gibt das Verhältnis vor:

Ein Master, viermal Bachelor.

 

Das macht der Ami gerne mit,

denn Bachelor ist dort ein Schritt,

den nennt die ganze Na-ti-on

ganz stolz auch Gradu-a-ti-on.

Doch selbst nach deutscher Titelwende:

der „Abschluss“ kommt bei uns am Ende.

 

Da gibt’s den Master und davor

da kommt eben der Bachelor.

Und richtig zu ist erst ein Sack

mit Mastern gleich im Viererpack.

Die segeln durch die Bildungswelt,

auch wenn’s der Politik missfällt.

 

Die Einfalt, die uns hier regiert,

hat uns zum Bachelor verführt.

Nun will den Armen keiner wollen,

denn gerade Fachhochschulen zollen,

fast nur dem Master noch Respekt,

weil „Upgrading“ dort besser schmeckt.

So ist denn doch nicht alles Käse

beim Bildungsauftrieb Bolognese.

 

Neschle könnte es auch mit einer Anleihe bei Wilhelm Busch versuchen:

Also lautet ein Beschluss,

dass man „Master“ werden muss.

Das Diplom das bringt ja eh

keinen Mensch mehr in die Höh’.

Man kann es zwar noch manchmal lesen,

doch das ist einmal gewesen.

Ja, da kann man nichts mehr machen,

so ist es halt in Bildungssachen.

Und wer kann noch von Bachelor-Ehren

heut’ wirklich mit Vergnügen hören?

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One Response to “Leon Neschle 32 (47. Woche 2007)”

  1. Flar Nnamzlas Says:

    Hallo lieber Neschle,

    träten Sie an, würde auch ich Sie aufgrund Ihrer schonungslosen Ehrlichkeit zum Bundeskanzler wählen wollen !

    Ihre entlarvenden Ausführungen zeigen überdeutlich, dass es mit dem “Vaterland” wohl bald wieder
    mangels erkennbar ausreichend elitär ausgebildeten Führungskräftenachwuches bergab gehen könnte, zumindest werden die Personaler sehr viel mehr probieren müssen, ob auch drinsteckt, was draufsteht. Die unüberschaubare Vielfältigkeit an den Gesellen- und Meisterabschlüssen wird vermutlich bald erweitert werden: Auch der Friseurmeister ist wohl bald ein Master (professional) !

    Die Verwässerung der Hochschulbildung und ihrer Ausbildungsprogramme geht offenbar zeitlich versetzt mit einer seit einigen Jahren zu beobachtenden weitreichenden Volksverblödung einher. So wird auch der Anteil an nicht ausbildungsfähigem Handwerksnachwuchs immer größer. Ich selbst gebe den Medien eine große Mitschuld an dieser Misere. Ich kann und will nicht beurteilen, ob da ein Zusammenhang besteht.

    Vielleicht ist der Trend hin zu flacherem Intellekt ja auch medizinisch begründbar, ähnlich einer Grippewelle ! Offenbar sind die Überträger dieser demenzähnlichen Erscheinung aufgrund massenhaften Auftretens aber nicht mehr isolierbar. Gegenmittel fehlen oder werden böswillig versteckt.
    Soweit ich informiert bin, ist eine Regierung bei Auftreten von Pandemien mittels ihrer Organe zur Ausrufung des Notstandes und zu gefahrabwehrenden Sondermaßnahmen berechtigt. Vielleicht reagiert die unsere ja noch schnell und heftig !

    Beste Grüße aus Norddeutschland
    Flar Nnamzlas

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