Leon Neschle 59 (50. Woche 2009)

Wer setzt eigentlich die „Zeitzeichen?“

Nach dem Jahresrückblick der Medien sind nur Schauspieler, Sänger, Sportler oder Politiker gestorben, aber keine Wissenschaftler, Erfinder oder Unternehmer. (Neschle)

Am 6. Dezember 2009 moderierte Thomas Gottschalk die Sendung „Menschen 2009“. Darin ein Passus über die 2009 verstorbenen Menschen. Posthum und einzeln gewürdigt werden vor allem Schauspieler, danach Sportler, einige Politiker und der Sänger Michael Jackson. Davor und danach werden eine Reihe nicht bekannter Menschen namenlos erwähnt, die bei Unglücksfällen oder terroristischen Aktionen ums Leben kamen. Die sind so etwas wie der „Unbekannte Soldat“ im Krieg.

Auffällig ist jedoch, wer in dieser Aufzählung fehlt: Bildende Künstler, Regisseure, Schriftsteller, Erfinder, Wissenschaftler, Unternehmer und Manager. Aber Neschle weiß genau: Auch einige davon sind 2009 gestorben. Hier nur eine kurze Liste einiger 2009 gestorbener Schriftsteller in der Reihenfolge ihres Todestages: Johannes Mario Simmel, John Updike, James Graham Ballard, Mario Benedetti, Frank McCourt, Francisco Ayala. Doch die Fernsehmacher lesen wohl nicht mehr und trauen das auch anderen nicht mehr zu.

Viele in der Sendung nicht genannte Personen haben weit mehr, Originelleres und Originäres für die Menschheit bewirkt als die geehrten Schauspieler, Sportler und Politiker. – Doch sagt diese Aufzählung nicht viel über die Werte und die Wertigkeit der Medien und dieser Gesellschaft, deren Teil die Medien sind? Denn auch der Jahresrückblick der ARD und erst recht der von RTL wird es kaum anders machen als all die Jahre zuvor. Neschle wäre zumindest überrascht, wenn es andere Menschen wären. Außer durch den erst kürzlich verstorbenen Otto Graf Lambsdorff dürften sich deren Aufzählungen kaum von der des ZDF unterscheiden.

A. Warum sind Schauspieler so wichtig für die Menschheit?

Dass selbst mittelmäßige Schauspieler heute Präsident der Vereinigten Staaten werden können, hat einst Ronald Reagan bewiesen. Sogar Gouverneur in Kalifornien kann man als Schauspieler werden, wie der Arnold Schwarzenegger uns als zweiter „großer“ Politikerexport Österreichs nach dem Maler Adolf Hitler gezeigt hat. Als Politiker ist man dann bedeutsam für die Menschheit, auch wenn man es als mittelmäßiger Schauspieler oder als eher mäßiger Maler niemals war.

Doch was tun denn eigentlich Schauspieler? Sie stellen mit mal mehr oder mal mit weniger Eigenwürze nur zur Schau, was Schriftsteller sich ausdachten, Drehbuchautoren filmisch verwertbar machten und Regisseure interpretiert haben. Die Schauspieler sind vielleicht individuell in ihrer Ausstrahlung, aber am Ende doch die am wenigsten Originellen in dieser Kette. Sie sind das, was an der Oberfläche erscheint. Die Schminke, aber nicht Herz und Hand der Filme und Theaterstücke.

Ist also die riesige und manchmal fast uneingeschränkte Bewunderung, die Schauspieler und Schauspielerinnen im Vergleich zu Regisseuren und (Drehbuch-)Autoren erfahren, nicht Zeichen der Oberflächlichkeit der Medien und dieser Gesellschaft?

Es ist gerade mal zwei Jahre her, da sind die Drehbuchautoren in den USA für ein höheres Entgelt auf die Straße gegangen. Ohne ihr kreatives Futter wäre die ganze Schauspielerei und Showmasterei nichts wert. Dennoch fristen diese Leute im Abspann der Filme ein gemeinsames Dasein mit denen, die für Beleuchtung und Kostüme verantwortlich sind, wenn sie überhaupt erwähnt werden und vor allem die Showmaster nicht deren geistiges Eigentum für sich selbst reklamieren. Sie stehen jedenfalls weit hinter den Schauspielern und Showmastern, auch und vor allem in der Vergütung, die sie für ihren Beitrag zu den Filmen und Shows erhalten.

Auch einige von ihnen sind 2009 gestorben, keinem wurde in „Menschen 2009“ ein Andenken gesetzt. Wohl aber Schauspielerinnen wie Monika Bleibtreu und Fritz Muliar. Neschle schätzt beide Schauspieler sehr. Er besitzt sogar die komplette Version vom braven Soldaten Schwejk. Fritz Muliar spielt dort den verschmitzten Tschechen weit überzeugender als einstmals der viel berühmtere Heinz Rühmann.

Alles gut und schön! Aber warum werden diese im Jahresrückblick neben einer Unzahl weiterer Schauspieler erwähnt, aber z.B. nicht der Wattenscheider Unternehmer Klaus Steilmann. Der hat nicht nur als Sportmäzen weit mehr für die Menschheit getan als diese Schauspieler. Sogar für den Sport hat er in verschiedenen Sportarten Bedeutenderes geleistet und das mit größerer Nachhaltigkeit als der im Jahresrückblick ebenfalls gewürdigte Torwart Robert Enke. Wie nutzlos dessen Tod war, konnte man jüngst bei der Hassexplosion in Stuttgart erleben, wo der Trainer Markus Babbel auf massiven Druck der Straße entlassen wurde. Gegen den und Verantwortliche des VfB Stuttgart wurden sogar Todesdrohungen ausgesprochen. Das ist weit mehr als die Anfeindungen, unter denen Robert Enke je zu leiden hatte. Es zeigt uns doch, was geschieht, wenn die Bedeutung des Sports derart übersteigert wird und die Werte dieser Gesellschaft ins Entertainment verschoben werden. Weit entfernt sind wir da nicht mehr von der glamourösen Gladiatorenwelt der Römer, die für den Verfall ihrer Gesellschaft steht.

Ähnlich spektakulär wie Robert Enkes Tod verlief gleich zu Beginn des Jahres der Selbstmord des Unternehmers Adolf Merckle. Gleiches Unglück wie bei Enke, doch bei weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit der Medien. Fragt man aber einmal nach der wirklichen Bedeutung beider Persönlichkeiten für die Menschheit, was käme dabei wohl heraus?

Ein Verfahren, der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, wäre der Umweg über die Frage: „Wie sähe diese Welt aus, wenn Robert Enke nie gelebt hätte? Wie sähe diese Welt aus, wenn es Adolf Merckle nicht gegeben hätte? Wo würde in dieser Welt mehr fehlen? Neschles Antwort ist klar. Doch warum wird dann ein Robert Enke im Jahresrückblick des ZDF ausführlich gewürdigt, ein Adolf Merckle nicht einmal erwähnt?

Am 8. November 2009 starb zum Beispiel der russische Physiker Vitaly Ginzburg im Alter von 93 Jahren. Bekannt wurde er durch die phänomenologische Beschreibung der Supraleitung und als einer der Väter der sowjetischen Wasserstoffbombe. Natürlich kam der in „Menschen 2009“ nicht vor, denn er war weder Schauspieler noch Sänger, Sportler oder Politiker. Seine Bedeutung für die Menschheit dürfte aber die der meisten bei „Menschen 2009“ ausdrücklich genannten Personen deutlich übersteigen. Dasselbe gilt für Lord Ralf Dahrendorf den deutsch-britischen Soziologen. Wenn man dem ZDF und „Menschen 2009“ glauben darf, sind die jedoch „unbedeutend“ im Vergleich zu Schauspielerinnen und Schauspielern, die in einer beliebigen Fernsehserie mitgewirkt haben.

B. Im „Zeitzeichen“ fehlen sie plötzlich, die Schauspieler!

Es gibt im Radio eine Sendung „Zeitzeichen“. Da werden bedeutende Persönlichkeiten für die Menschheit Jahrhunderte oder Jahrzehnte nach ihrem Todestag (seltener nach ihrem Geburtstag) gewürdigt. Sänger, Sportler und vor allem Schauspieler kommen da allerdings beinahe gar nicht mehr vor. Stattdessen Buchautoren, Wissenschaftler, Erfinder und Entwickler, Regisseure, bildende Künstler; also alle, die im Jahresrückblick „Menschen 2009“ gefehlt haben. Die einzige Schnittmenge bilden da noch die Politiker.

Da im Zeitzeichen die Menschen mit bleibender Bedeutung für die Menschheit geehrt werden, fragt sich Neschle, warum die Auswahl in „Menschen 2009“ sich so stark von der des Zeitzeichens unterscheidet. Wen wird man von den „Menschen 2009“ noch in zehn oder zwanzig Jahren kennen? Und im Vergleich dazu: An welche Person, die dort nicht genannt wurde, wird man sich noch in hundert Jahren erinnern, wenn die Sendung „Zeitzeichen“ dann noch läuft?

2009 ist das Darwin-Jahr. Dieses Jahr erinnert in diesem Fall an seinen Geburtstag und seine Theorien, die unser Weltbild auf den Kopf gestellt haben. Nun kann niemand die Bedeutung eines Menschen schon an seinem Geburtstag absehen. Also muss man auch den Fernsehmachern nachsehen, dass sie bei der Geburt niemandem seine spätere Bedeutung ansehen können. Doch nehmen wir einmal an, im Todesjahr Darwins hätte man „Menschen 1882“ im ZDF gegeben. Mit Sicherheit wäre irgendein Akteur von der Opernbühne oder eine Aktrice von der Operette posthum geehrt und beklatscht worden, von denen heute niemand mehr etwas weiß. Charles Darwin aber hätte man damals sicher vergessen. Er wäre in einer Sendung dieses Stils nicht vorgekommen. – Aber wie kommt Neschle dann eine solche Sendung vor?

Der Blick solcher Sendungsmacher geht eben kaum über ihre eigene kleine Welt des Showbusiness hinaus. Die ist die einzige, die sie verstehen. Hier geschieht das einzige, was für (sie und) die Menschheit bedeutsam ist. Sie dringen nie tiefer als bis zur Schminke.

Das Schlimme ist nur, dass sie mit ihrem Medium die Macht haben, mehr als die halbe Welt glauben zu machen, die wichtigsten Personen auf diese Erde seien Schauspieler, Sänger, Showmaster und ihre weiblichen Pendants. Wie sang Hape Kerkeling doch einst: „Das ganze Leben ist ein Quiz und wir sind nur die Kandidaten!“ Das war ironisch gemeint, doch die Fernsehmacher meinen das offenbar ernst.

Nachhaltig ist dieses Urteil nicht. Denn je länger die Zeit fortschreitet, umso mehr erweist sich, wie nichtswürdig diese Auswahl ist. Traurig nur, dass der Sendung „Menschen 2009“ nicht nur eine fragwürdige Wertigkeit zugrunde liegt, sondern dass sie den Menschen 2009 auch vermittelt wird.

 

Manchen Menschen ist verwehrt,

dass man sie posthum verehrt.

Bei Durchschnittsfrau und Durchschnittsmann

man das wohl verstehen kann.

Denn man kann nicht über jeden

lange nach dem Tod noch reden.

 

Doch Schauspieler und Sportler, Sänger,

die kennt man zumeist noch länger,

besonders wenn sie jung gestorben

und wenn sie sich den Ruf verdorben.

Davon spricht dann am Jahresende

so manche Fernsehsendung Bände.

 

Doch wenn die Zeit dann geht ins Land,

sind sie schon bald nicht mehr bekannt.

Statt ihrer ins Gedächtnis dringen,

die Menschen dauerhaft was bringen:

Künstler, Forscher und Autoren

aus Phönix Asche neu geboren.

 

Die setzen meist den Geist der Zeit,

doch sterben sie, ist nicht bereit

der kleine Geist der Fernsehmacher,

der wird erst nach Jahren wacher.

Dann wird mit neuem Maß gemessen,

die Schauspieler sind nun vergessen.

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One Response to “Leon Neschle 59 (50. Woche 2009)”

  1. peter Says:

    Also was machen Schauspieler?

    Es is sicher wirklich ein schlechtes Zeichen, wenn Unternehmer, Regisseure und Drehbuchautoren ignoriert werden. Aber Schauspieler leisten mehr, als hier anerkannt wird.

    1. Die meisten Spitzenschauspieler fallen sowieso in mindestens eine oben genannte Kategorie, oft in mehrere oder alle. Sie schreiben gelegentlich Drehbücher, führen manchmal Regie und sind oft Kopruduzenten ihrer eigenen Filme, somit Unternehmer!

    2. Ihr Beitrag zum Skript ist selten zu vernachlässigen. Die meisten schlechten Drehbücher scheitern an ihrer Vorauswahl, denn es findet sich keiner, der die Hauptrolle spielen will. Die meisten guten Drehbücher
    werden mehrfach, oft erheblich, nachgebessert, weil Schauspieler Mängel beanstanden und konkrete Verbesserungen verlangen, bevor sie sie akzeptieren.

    3. (Am Beispiel von Holly Hunter in “The Piano”): Ist es wirklich eine geringere Leistung, sich einen ganzen Film lang in Taubstummensprache zu verständigen, nebenher authentisch im Dialekt von Edinburgh zu sprechen und auf dem Standard eines klassischen Klavierkonzerts als Pianistin zu arbeiten, als für ein Drehbuch eine Frau zu erfinden, die das tut?

    4. (Nur für den deutschsprachigen Raum): Etwa 75% der Leistung wirklicher Spitzenschauspieler get meist im Synchronstudio verloren. Präzise Stimmlage und zeitliche Abstimmung auf den sonstigen Handlungsablauf sind sehr wichtig, in Filmen auf Deutsch aber nahezu unbekannt. Es ist keine Vetternwirtschaft oder Verschwendung, dass in den USA einige der größten Talente manchmal als Stimmen von Zeichentricktieren engagiert werden. Im deutschsprachigen Raum hingegen werden große Spielfilme
    von unbekannten und meist talentlosen Schauspielern synchronisiert. Herausragende Werke der Filmkunst werden dabei oft so schlecht, dass es einiger Nerven bedarf, die deutsche Version bis zum Schluss durchzuhalten. Wer Leistung will, sollte gewöhnlich seine DVDs in der Originalsprache laufen lassen, notfalls mit Untertiteln, aber sicher nicht synchronisiert.

    Das Wissenschaftler ignoriert werden, ist bedenklich. Verwunderlich ist es aber nicht, in einem Land, wo Ausnahmen die Regel bestätigen und man Beweise logischer Unmöglichkeit nicht so eng sehen darf!

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