Leon Neschle 70 (36. Woche 2011)

Der Helikopter-Student, oder:
Sagt nicht, Euch hätte keiner gewarnt!

The road to hell is paved with good intentions. (George Bernard Shaw)

Die Art und Weise, wie Universitäter heute Akadämlicher produzieren, belastet meinen beschädigten Ruf. (Neschle)

Neulich las ich über „Helikopter-Kinder“ in den USA, die schwere Entwicklungsstörungen und gravierende psychische Probleme haben. Von frühester Kindheit an werden sie gegängelt, bemuttert (auch ein Vater kann das!) und permanent überwacht: im Interesse ihrer „Helikopter-Eltern“, die in der Einkind-Generation Zeit und Energie investieren (können), um in ihren Kindern die eigene Lebenserfüllung zu suchen.

Bachelor- und Masterstudium folgen diesem Grundgedanken des „Paranoid Paranting“. Immer mehr wird nicht von den Studenten für ihr Studium geplant, sondern von „Helikopter-Professoren“ und ihrer „Helikopter-Universität“ für diese Studenten in deren Studium. Natürlich in der besten Absicht: Damit sie keine Fehler (mehr) machen (können) und schneller fertig sind.

Doch die Möglichkeit, Fehler machen zu dürfen, ist die Basis selbständigen Lernens; genau diese Fehler prägen sich ein und prägen den Menschen für sein Leben: Man fragte einen Mann: „Warum bist Du so gut?“ Er sagte: „Weil ich keine Fehler mache.“ „Und wie bist Du so gut geworden?“ „Weil ich viele Fehler gemacht habe!“

Bei seinen eigenen Fehlern ist der Student „highly involved“. Im Gegensatz zu diesen „unter die Haut gehenden“ Erfahrungen, bleibt der größte Teil dessen, was er derzeit im Studium zum Bachelor oder Master „lernt“ an der Oberfläche. Durchgängiger O-Ton in Zulassungsprüfungen zum Master-Studium: „Kapitalwert weiß ich nicht mehr. Das war im ersten Semester. – Normalverteilung? Das war im zweiten.“

Diese exakte Zuordnung von Studieninhalten zu einzelnen Semestern ist neu und aufsehenerregend für einen kritischen Geist. Der Grund: Die Studierenden haken das Gelernte nach jeder Einzel-Prüfung in ihrem geistigen Semesterordner ab. Denn die permanenten Semesterprüfungen, die Folge des Wahns pausenloser Lernkontrolle sind, respektieren nicht, dass sich das Gelernte „setzen“ und miteinander vernetzt werden muss. Das gilt weniger für Einzelfakten, aber umso mehr für Grundlagen- und Strukturwissen, mit dem es mir gelingt, künftiges Wissen einzuordnen und zu einem konsistenten Bild zu ordnen. Kurz: Für das Wissen, mit dem man sich zu einer gebildeten Persönlichkeit entwickelt. Stattdessen liefert das Studium bolognese (nach dem Bologna-Prozess), das fast eine amerikanische Kopie ist, nur unablässigen Kontrollstress, der den Studierenden keine Zeit mehr lässt, ein gebildeter Mensch zu werden, und keine Muße mehr zur eigenen Lebensplanung.

Das ist innerhalb des „Helikopter-Denkmodells“ nur folgerichtig. Dies traut dem Studierenden selbständige Planung nämlich gar nicht mehr zu und will fürsorglich verhindern, dass er Fehler macht. Daher ist der „Helikopter-Student“ die konsequente Fortentwicklung des „Helikopter-Kindes“. Bei ihm geht nicht mehr in erster Hinsicht um „studere“ (sich selbst bemühen) oder die Anregung und Anleitung dazu, sondern allein darum, dass nicht vor allem er, sondern die Helikopter-Universität sich fortwährend um diesen Spätschüler bemüht. Vom Kindergarten an trainiert und dressiert bleibt ein solcher Mensch das ewige Helikopter-Kind.

Diesem Modell standen die Fachhochschulen immer schon ein wenig näher. Nun folgt ihnen im Zuge der gleichmacherischen Bachelor- und Mastergraduierungen (niemals gab es übrigens differenziertere Abschlüsse als nach dieser angeblichen „Vereinheitlichung“) nach den Privat-Universitäten auch die klassische deutsche Universität. Mit durchaus gravierenden Folgen:

„Die Freiheit ‚von‘ Forschung und Lehre“ an den Unis hat nie bedeutet, dass der Professor frei „davon“ ist. Aber er sollte frei „dabei“ sein. Von dieser „Freiheit ‚bei‘ Forschung und Lehre“ „befreit“ ihn nun das Un-Wesen des Helikopter-Studenten. Um die „Helikopter-Philosophie“ durchzusetzen, werden auch die Hochschullehrer als „Helikopter-Professoren“ gegängelt, verplant und es wird ihnen in wesentlichen Punkten die Gestaltungsfreiheit genommen. Dabei beruft man sich darauf, für die „Helikopter-Studenten“ fürsorglich die „Studierbarkeit“ der Fächer herstellen zu müssen.

1. „Studierbarkeit“ steht (noch) nicht im Duden

„Studierbarkeit“ gab und gibt es trotzdem. Es war nur früher etwas anderes. Wurde Neschle einst gefragt: „Ist Jura an Eurer Uni ‚studierbar‘?“, bedeutete diese Frage, ob man einen Abschluss in Rechtswissenschaften machen konnte. War dieser möglich, dann war Jura selbstverständlich auch „studierbar“. Klar!

Nicht so heute: Heute bietet Neschle für das Wintersemester 2011/12 vier Vorlesungen und mit Hilfe seiner Assistenten Übungen dazu an, aber nichts davon ist noch „studierbar“, jedenfalls nach den Angaben der nun zentralen Vorlesungsplanung.

Eine Akkreditierungskommission für das Lehramtsstudium hatte nämlich festgestellt, dass sogar das gesamte Studium für Lehramtskandidaten „unstudierbar“ ist. Wahrscheinlich hatte Neschle „Studierbarkeit“ seines Faches bislang nur geträumt, als er Examina für das Lehramt abgenommen hatte: Diese Leute hatten überhaupt nicht studiert, wie die Akkrediteure nun „zum Glück“ feststellen.

Neschle muss zugegeben, dass er genau diesen Eindruck bei manchen der Kandidaten auch hatte, aber doch nicht bei allen. Einige hatten studiert, da war er sicher. Doch weit gefehlt, sagen die Akkrediteure: Das Studium für das Lehramt ist bislang gar keines, weil dessen Fächer „unstudierbar“ sind. Basta alla bolognese!

Und warum? Weil sich einige Vorlesungen überschneiden, welche die Lehramtskandidaten mit ihren über 150 Kombinationsmöglichkeiten der Fächer innerhalb des auch eigens dafür vorgesehenen Semesters nicht gleichzeitig besuchen können.

Dies verlängere das Studium, sagen die Akkrediteure und berufen sich dabei auf eine Absolventenbefragung. Ehemalige Studenten antworteten: Ihr Studium hätte erheblich kürzer sein können, hätte es keine Überschneidungen in der Lehre gegeben.

Aber ist die Frage danach nicht schon suggestiv und die Antwort daher artifiziell? Natürlich schreiben Absolventen Verzögerungen oder Misserfolge lieber Vorlesungsüberschneidungen zu als Nebenjobs, ihrer Faulheit oder tollen Semesterfeten? Wird ihnen die Gelegenheit dazu in einem Fragebogen förmlich vor die Nase gehalten, was sollen sie da ankreuzen? Neschle wüsste es: Natürlich waren (allein) die Überschneidungen der Lehrveranstaltungen schuld an der Verlängerung des Studiums!

Das Ergebnis solch suggestiver Befragungen sind reine Artefakte, auf denen Akkrediteure des Lehramtsstudiums und zentrale Universitätsverwaltung aber nun versuchen, ganz reale Fakten und einen Wust bemutternder Administration zu schaffen, die über die Studiengänge hinaus, in denen die Lehrämter dominieren, auch andere Studiengänge betreffen und dort mehr Probleme auslösen als sie lösen.

Die von Akkrediteuren und Hochschulverwaltung ignorierte Realität des Vorlesungsbesuchs zeigt sich indes so:

Zur Mitte eines jeden Semesters nimmt der Besuch in Vorlesungen, Übungen und Tutorien ab, um kurz vor den Klausuren wieder zuzunehmen. Das war – Überschneidung oder nicht – bislang so und wird so bleiben. Dies liegt auch daran, dass ein Fach bei guten Vorlesungsbeilagen selbst dann „studierbar“ bleibt und aus Neschles Sicht auch bleiben soll, wenn ein Student z.B. über längere Zeit krank ist.

Dies relativiert aber auch die Bedeutung von Überschneidungen in der Lehre: Erstens lassen sich diese so (zum großen Teil) verschmerzen, zweitens beweisen die Studierenden durch ihr selbstbestimmtes Fernbleiben von den Vorlesungen, dass sie die fürsorglichen Bemühungen der Akkrediteure um „Studierbarkeit“ weitaus weniger zu schätzen wissen als eine überfürsorgliche, mit administrativem Wust befrachtete zentrale Stundenplanung der Helikopter-Universität, durch die der „Helikopter-Student“ und sein „Helikopter-Professor“ zu „fremdbestimmten Patienten“ werden, statt zu „selbstbestimmten Unternehmern ihrer Arbeitskraft“. –

Nun ist es keinesfalls so, dass Neschle nicht großen Wert auf Überschneidungsfreiheit legt. Im Gegenteil: Überschneidungsfreiheit bei Prüfungen muss sogar garantiert werden. Denn kein Student kann zeitgleiche Prüfungen absolvieren. Was bei Lehrveranstaltungen durch das Heimstudium guter Vorlesungsbeilagen mit Literaturstudium zum Teil möglich ist, fällt hier ganz aus. Prüfungsplanung wird aber seit längerem schon zentral durchgeführt, doch sie funktioniert nachweislich nicht und verlängert dadurch fast zwangsläufig das Studium. Dieses Problem wird jedoch gar nicht angegangen, weil hier ja schon zentral und fürsorglich geplant wird. Das folgt schon der aktuellen „Helikopter-Philosophie“ und darum werden diese Mängel ignoriert.

Anders bei Neschle: Dem ist es zwar mit dezentraler Planung gelungen seine Lehrveranstaltungen auch für Lehramtskandidaten überschneidungsfrei zu gestalten, aber dennoch verpasst die Zentralverwaltung ihm und all seinen Studenten einen neuen Stundenplan. Der gilt nicht nur für seine 10% Lehramtskandidaten, sondern auch für die anderen 90%. Sie alle werden nun nach einem Stundenplan ausgerichtet, der den 10% Lehramtskandidaten in zentraler Fürsorge das „überschneidungsfreie Studium“ garantieren soll und damit „die Studierbarkeit“ ihrer Fächer. Neschle wartet jetzt nur noch auf den Moment, in dem die Akkrediteure des Lehramtsstudiums und die Pädagogen auch den Inhalt seiner Vorlesungen bestimmen wollen.

2. Nun auch an der Uni: Die Lehrer bestimmen die Lehre!

Die Universitätsleitung begründet diesen allein lehramtsinduzierten Zeitoktroi damit, dass in den an Lehramtsstudiengängen insgesamt beteiligten Fakultäten etwa 40% auf Lehramt studieren.

Das mag im Durchschnitt richtig sein. Doch selbst dann wären diese Studenten dort in der Minderheit, weil auf der anderen Seite 60% der Studierenden stehen. Zudem treffen weder für Neschles Fakultät und erst recht nicht für sein Fach die 40% auch nur annähernd zu. Da sind es viel weniger.

Mag der Arm ihrer Akkreditierung für Lehramtskandidaten so weit reichen, wie diese in der Mehrheit sind, also etwa bei Anglisten oder Germanisten! Doch warum weiter? Warum sollten mit demselben Recht nicht auch die Akkrediteure der BWL herkommen und Einfluss nehmen auf die Stundenpläne der Pädagogen oder Mathematiker?

In Neschles Vorlesungen sitzen sogar weniger als 10% Lehramtsstudenten (in „weicheren“ BWL-Fächern mögen das mehr sein). Dennoch soll sich seine gesamte Vorlesungsplanung allein nach diesen ausrichten? Kann die Helikopter-Universität ihr Vorgehen aber auch bei 10% noch begründen, wo es schon bei 40% hapert?

Nach Neschles eigenen Erfahrungen sind Akkrediteure keinesfalls immer die Größen unserer Zunft. So manches Mal wären Fakultäten und Studenten besser gefahren, hätten sie deren Auflagen nicht befolgt. Neschle wundert sich daher, dass die Vorgabe einer Akkreditierungskommission von seiner „Helikopter-Universität“ wie ein „Ukas“ gewertet wird, dem in jedem Falle zu folgen ist, sogar in Fächern, in denen Lehramtsstudenten weit in der Minderheit sind.

3. Folgen zentraler Regulierungswut für die Entwicklung der Universität(en)

Geht Neschle von über 90% seiner Studierenden aus, die nicht Lehramtskandidaten sind, muss er auch deren Zeitplanung berücksichtigen. Wie soll er das aber tun, wenn die Zeitplanung nun zentral erfolgt und seine 10% Lehramtsstudenten absolute Priorität genießen? Auch kurzfristige Flexibilität ist ausgeschlossen: Der Tausch von Zeiten mit Kollegen oder sogar mit Übungszeiten der eigenen Mitarbeiter ist nun faktisch ausgeschlossen, weil die zentrale Abstimmung Umstände und Zeit kostet, so ein Tausch aber nur dann sinnvoll ist, wenn er kurzfristig erfolgen könnte, z.B. bei Krankheit des Dozenten, um die „Vorlesungsversorgung“ sicherzustellen.

Durch die zentrale Stundenplanvorgabe fällt eine Veranstaltung von Neschle derzeit sogar in die „Gremienzeit“ seiner Fakultät. Das ist die Zeit, in der gewöhnlich Gremien der akademischen Selbstverwaltung tagen: Fakultätsrat, Institutsrat oder Berufungs-, Habilitations- und Promotionskommissionen. Es scheint Neschle fast Programm, dass eine zentrale Hochschulverwaltung im besorgten Dienst für den Lehramtsstudenten“ die traditionell dezentrale Koordination an deutschen Universitäten schwächen will. Die Selbstorganisation der Professorenschaft ist offensichtlich nicht mehr erwünscht, wenn und weil ihre Durchführung erschwert wird. Warum sollte man den Professoren auch künftig noch Planungsfähigkeit zutrauen, die sie als Helikopter-Kinder und Helikopter-Studenten nie lernen durften? An deren Stelle treten administrative Oktrois, auch wenn sie bislang vor allem noch Zeitoktrois sind.

Persönliche und berufliche Freiheit sind jedoch der entscheidende Grund für die Berufswahl zum Hochschullehrer besonders dort, wo es viel besser bezahlte Alternativen in der Praxis gibt. Ingenieure und Mediziner sind zum Glück von der Entwicklung im Lehramt kaum betroffen. Neschle schon!

Neschle als Ökonomen kann auch verstehen, dass manche Pädagogen beim „Wert der Freiheit des Hochschullehrers“ weniger sensibel sind: Kann ich in diesem Beruf ohnehin das meiste verdienen, ist dessen Freiheit vielleicht nur ein willkommenes, aber weitgehend verzichtbares „add-on“ oder „nice-to-have“. Bei manchem Professor ist diese Freiheit aber der wesentliche Grund für die Berufswahl. In Kenntnis solcher Umstände würde sich Neschle z.B. nicht mehr für den Beruf des Hochschullehrers entscheiden. Solche Umstände könnten jedoch auch beim Nachwuchs in seinem Fach gegen diese Berufswahl entscheiden.

Daher wird hier derzeit erneut ein gravierender hochschulpolitischer Fehler in der Tradition des Studiums bolognese gemacht (Der größere war sicher die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge!). Auch dieser Fehler ist Folge des „Helikopter-Denkens“: In der guten Absicht, den Studierenden keine Fehler machen zu lassen und ihm eine konzentrierteres und kürzeres Studium zu gewähren (dahinter steckt vielleicht die gar nicht mehr „so gute Absicht“, Steuermittel bei der Bildung einzusparen), werden dem Studierenden seine selbständige Entwicklung und sein Heranreifen zu einer gebildeten Persönlichkeit versagt.

Bei diesem Nachahmen des US-Bildungssystems sollte man aber nicht verkennen,

1. in welchem Zustand die USA heute ist und was sie dahin gebracht hat,

2. dass dieses Land seit Jahrzehnten vom Import ausländischer Intellektueller lebt, die ihre Wurzeln gerade nicht im angeblich und für das Studium bolognese auch tatsächlich „vorbildlichen amerikanischen Bildungssystem“ hatten.

Der Helikopter-Student

Schläft er, lernt er oder poppt er,

immer schwebt der Helikopter

und beobachtet genau,

was er tut, Mann oder Frau.

Denn der Stundenplan liegt fest

und im streng bewachten Nest

gibt’s von Freiheit keinen Rest:

Da kommt schon der nächste Test.

 

Er kann alles nur leicht streifen,

kein Gedanke kann noch reifen,

Einzelfakten lernt er nur,

Muße fehlt für die Struktur,

frisst schnell alles in sich rein,

bald wird es vergessen sein,

niemals fällt ihm wirklich ein:

Dieses Wissen, das ist mein!

 

Sicher sagt er sich dann später,

schuld sind Universitäter,

die uns ständig überwachten,

dass wir keine Fehler machten.

Selber planen war verboten,

man hielt uns für Idioten,

nahm uns alles aus den Pfoten,

nun sind wir die geistig Toten.

 

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3 Responses to “Leon Neschle 70 (36. Woche 2011)”

  1. Neigel Says:

    Ein wahres Wort Herr Neschle.

  2. David Says:

    Wow, find ich vorbildlich, dass sich jemand in dieser Position so offen und ehrlich äußert. Bitte mehr von solchen Menschen!!

  3. Felix Says:

    Der Text spricht mir aus der Seele, man sollte ihn international veröffentlichen.

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