Leon Neschle 71 (37. Woche 2011)

Europäische Vereinheitlichungen und das Henne-Ei-Problem

Es gibt immer zwei Möglichkeiten: Am besten, man macht das Richtige zuerst. (Neschle)

Wir haben ihn: den Euro, die einheitliche europäische Währung. Wir haben sie: Bachelor oder Master, Geselle oder Meister, die einheitlichen europäischen Hochschul- oder Bildungsabschlüsse. Wie schön einheitlich, wie schön gemeinschaftlich, wie schön europäisch. Wie schön! Wäre da nicht in beiden Fällen dasselbe Problem:

1. die gemeinsame, einheitliche Währung für wirtschaftlich unterschiedlich starke Länder.

2. der gemeinsame, einheitliche Abschluss für inhaltlich unterschiedlich starke Studienleistungen.

Und in beiden Fällen hat dieses Manko auch „dieselbe“ Ursache:

1. Statt zunächst die Wirtschaftspolitik zu vereinheitlichen und für regionalen Ausgleich zu sorgen, hat man erst einmal eine gemeinsame Währung verordnet.

2. Statt zunächst die Bildungspolitik zu vereinheitlichen und für ausgeglichene Qualität der Bildungsinhalte (und Lehrkräfte) zu sorgen, hat man erst den gemeinsamen Abschluss verordnet: Bachelor bzw. Master, also „Geselle“ und „Meister“.

Ist aber die gemeinsame Währung (zu)erst da, warum soll man dann noch die wirtschaftlichen Bedingungen und die Wirtschaftspolitik vereinheitlichen? Sind die gemeinsamen Titel schon da, warum dann noch die Bildungspolitik harmonisieren? Dazu fehlt dann die Motivation und das führt zu dem Tohuwabohu, das wir heute kennen. Es entsteht aus einer zwischenzeitlichen Lähmung, weil man den Schlussakkord vor die Musik gesetzt hat.

1. Der Euro – eine Währung in der Bewährung

Was geschieht, wenn man in einem Gebiet mit stark unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungskraft eine gemeinsame Währung etabliert, hat kaum jemand stärker erfahren als die Deutschen nach der Wende. Da sind unsere Politiker – entgegen den Warnungen vieler Ökonomen – dem Ruf des Ostens nach der D-Mark gefolgt und haben sie in ganz Deutschland eingeführt, ohne vorher die wirtschaftlichen Verhältnisse zuvor anzugleichen und dem Osten die Chance zu geben, mit einer eigenen abwertungsfähigen Währung wettbewerbsfähig zu werden oder – wie Optimisten geglaubt haben – wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Folge:

Der Zusammenbruch der gesamten „DDR-Wirtschaft“, die auf dem Niveau der D-Mark nicht konkurrenzfähig war. Die weitere Folge: Statt „Eigen-Aufbau-Ost“ gab es „Fremd-Aufbau-Ost“, statt eigener Erträge gab es mehr und mehr Transferleistungen. Was im Osten gern als Mord an der DDR-Wirtschaft nach der Wende dargestellt wird, fing mit der Übernahme der D-Mark als gemeinschaftlicher Währung an. Setzt man also den Ruf der DDR-Bevölkerung nach der D-Mark an den Anfang, war eine gehörige Portion „Selbstmord“ dabei, was im Selbstmitleid befangene Ostalgiker allerdings nicht gern hören.

Bei den Griechen ist das auf europäischer Ebene grundsätzlich nicht anders. Sie haben sich den Euro sogar erschlichen, anders als andere schwächere Volkswirtschaften, z.B. die der Iren oder Portugiesen. Sie halten jedoch unter dem Dach einer gemeinsamen Währung wirtschaftlich nicht mit.

Mit einer Abwertung ihrer eigenen Währung können sie nun aber keine Konkurrenzfähigkeit mehr herstellen. Ohne (verdeckte) Transferleistungen aus den wirtschaftlich stärkeren Ländern entsteht daher für die schwächeren Länder ein wirtschaftliches Desaster. Und da stehen wir nun und können nicht (mehr) anders! Denn wir haben den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht.

Vor der Einführung der D-Mark als Währung für ganz Deutschland, vor der Einführung des Euro in der „Euro-Zone“ gab es jeweils warnende Stimmen von Ökonomen. Die liefen immer auf dasselbe hinaus: Vereinheitlicht erst die Wirtschaftspolitik und die regionalen Lebensverhältnisse und führt dann die gemeinsame Währung ein.

Aber der Weg dahin ist lang, bringt politisch keine Stimmen und könnte aufgrund der Zähigkeit des Prozesses am Ende gänzlich Scheitern. Daher geben einige es durchaus zu: „Ja, es ist die falsche Reihenfolge. Aber sonst hätten wir den Euro nie“.

Also schafft man erst den „Eindruck einer neuen Einheitlichkeit“ – und lässt sich von diesem Einheitsdusel zum Teil selbst einlullen – ehe man hingeht, sich tatsächlich um sachliche Vereinheitlichung zu kümmern.

Man benutzt erst das gemeinsame Etikett für den Einheitswein und versucht dann erst den gleichen Standard zu schaffen, statt umgekehrt erst am Wein zu arbeiten, ehe man ihm dasselbe Etikett aufklebt. So servieren die Politiker der Wirtschaft eine Terrine, in der die Suppe mit der Zeit schal geworden und dann von den Bürgern auszulöffeln ist.

2. Bachelor/Master – Da gibt es kein Raster!

Noch nie hat eine „Vereinheitlichung“ im Bildungswesen zu einer solchen Differenzierung geführt. Dies gilt schon für die Bildungsinstitutionen, die diese Abschlüsse „liefern“ dürfen. Das sind neben den Universitäten heute Fachhochschulen und Berufsakademien, die zumindest den Bachelor produzieren, zum Teil aber auch den Master und das in den unterschiedlichsten Formen.

Anfangs versuchten die Universitäten sich dadurch abzugrenzen, dass sie in der Betriebswirtschaftslehre den Titel „Bachelor of Science“ (BSc.) anboten und sich dadurch vom praktischen Odor des „Bachelor of Arts“ (BA) zu befreien suchten. Das kann man mittlerweile knicken, weil dieser Trick durchschaut wurde und jeder jetzt alles macht und noch fast beliebige Dinge zusätzlich z.B. einen „Bachelor of Business Administration“ (BBA) oder einen „Bachelor of Economics“ (BE bzw. BEc.).

Das Schöne in dieser angeblich vereinheitlichen Welt ist ihre besondere Vielfalt, in der dennoch international anerkannt wird, was auch nur irgendwie ähnlich aussieht. Wenn jemand an der Universität X seinen Abschluss gemacht hat, kann man in dieser Welt nicht mehr sicher sein, dass diese ihm auf ihrem Zeugnis nicht auch Leistungen auf den Hochschulen Y und Z bescheinigt.

Für die Studierenden bedeutet das: Umgehe vor allem die komplexen Veranstaltungen an Deiner Uni und die mit schlechter Benotung und kaufe Dir diese Leistung woanders ein! So gibt es neuerdings ein umtriebiges Noten-Shopping, in dem die Hochschullehrer bei größeren inhaltlichen Überschneidungen auch die Studienergebnisse von jeder beliebigen Hochschule im Bologna-Raum anerkennen (müssen).

Eine andere Folge ist, dass wegen der Vielfalt der Abschlüsse und der äußerst großzügigen Anerkennungspraxis mit geringfügigem Mehraufwand vor allem internationale Mehrfachabschlüsse möglich sind. Mit drei Arbeitstagen zum internationalen Doppelabschluss: das ist mittlerweile leicht möglich, wie Neschle sicher weiß.

Der größte Betrugsfaktor der angeblichen Vereinheitlichung ist dabei die „Workload“, die den Studienaufwand in Stunden einheitlich kennzeichnen sollte, aufgeteilt auf Präsenz in Vorlesungen, Übungen, Seminaren etc. und der Vor- bzw. Nachbereitung in Bibliotheks- oder Heimarbeit. Einer „Workload“ von 30 Arbeitsstunden entspricht ein ECTS-Punkt. Der soll nun die Vergleichbarkeit der Studienumfänge sicherstellen und damit die heute gängige Anrechnungs- und Anerkennungspraxis begründen und rechtfertigen (ECTS = European Credit Point Transfer System).

Die Workload ist aber nichts als eine große Augenwischerei. Denn fast beliebig lassen sich den Präsenzstunden an der Hochschule Stunden der Vor- und Nachbereitung zuordnen. Eine fiktive Stunde Heim- oder Bibliotheksarbeit hat aber rechnerisch denselben (Stellen-)Wert wie eine Präsenzstunde oder die Arbeit mit einem Dozenten. Das heißt auch, dass der zeitliche Einsatz von Dozenten vor Ort von (vereinheitlichtem?) Studium zu Studium erheblich schwanken kann. Das ist nur eine Frage der Argumentation bei der Akkreditierung. So kennt Neschle sogar Fälle, in denen dieselbe Fakultät für gleichartige Lehrveranstaltungen ganz unterschiedliche Workloads ansetzt und entsprechend ECTS-Punkte verrechnet, ohne es schlüssig begründen zu können, warum die eine Lehrveranstaltung deutlich mehr Heimarbeit erfordert als die andere. An dieser Schlüsselstelle der „Vergleichbarkeit“ begnügt man sich mit Plausibilitäten. Neschles Bekenntnis daher ganz klar: Weg mit den „Workload“, her mit den Präsenzstunden!

Auf die heutige Weise können nämlich Studienabschlüsse mit völlig unterschiedlichen Präsenzzeiten an der Hochschule als gleichwertig gelten. Dem Etikettenschwindel wird Tür und Tor geöffnet. Eine Möglichkeit dazu ist die Verlagerung der Lehre auf Übungen, Fallstudien und Seminare, bei denen sich größere Anteile von Bibliotheks- oder Heimarbeit besser begründen lassen. Für eine gleiche Anzahl von ECTS-Punkten (in aller Regel 180 für ein sechssemestriges Bachelor-Studium, also durchschnittlich 900 Stunden „dehnbarer“ workload pro Semester) gibt es dann auch den gleichen Abschluss. Und was hat das für Folgen?

Anders als beim Euro werden in der Hochschullandschaft noch mehr „Währungen“ eingeführt: Vermehrte Ratings und Rankings sollen den Interessenten sagen, welch große Unterschiede sich nun unter dem Einheitsetikett verbergen und wie viel mehr der Abschluss an Uni A gegenüber dem an Uni B ist. Diese Rankings und Ratings sind jedoch selbst problematisch und können allenfalls einen fiktiven Durchschnittsabsolventen treffen. Das wäre übertragen in die Währungslandschaft aber insgesamt so, als würde man nicht nur sagen, der griechische Euro sei weniger Wert als der deutsche, sondern z.B. auch der oberbayrische weniger als der niederrheinische.

Vergleichbarkeit bedeutet nämlich auch Ersetzbarkeit (Substitutionalität). Stellt aber der eine Abschluss eine andere Qualität dar als der andere, werden das gemeinsame Etikett und die gegenseitige Anrechnung von ECTS-Punkten zur Farce.

Neschle möchte nicht unken. Aber die mit Ratings und Rankings von Hochschulen verstärkt eingeführte eigene Währung für jeden Abschluss verhindert im Bildungsbereich ein der Euro-Krise vergleichbares Problem. Der Preis dafür ist klar: Die klammheimliche Aufgabe der Einheitswährungen Bachelor und Master. Unter dem einheitlichen Etikett verbergen sich ganz andere Qualitäten. Es gibt ja auch nicht nur den (US-)Dollar. Warum aber braucht man das Einheitsetikett, wenn es nur verblendet und Verwirrung stiftet, eine Verwirrung, die dann wieder durch umfangreiche Aufklärungsarbeit gelöst werden muss?

 

Einheitswährung/Ein(heits)bildung

Es einheitet sich immer mehr,

einheitet oft und einheitet sehr.

Bei der Währung währt’s schon lang,

in der Bildung kam’s in Gang.

Euro, Bachelor und Master:

„Einheit“ steht hier für „Desaster“.

 

Der Grund ist einfach und auch klar,

weil falsche Tat am Anfang war.

Ein Schlussakkord gehört ans Ende.

Wenn der den Weg zum Anfang fände,

ging jeder Hörer davon aus,

Schluss ist nun und ab nach Haus.

 

Die Kanzlerin hat’s nun gefressen,

der Nachtisch wird zum Schluss gegessen.

Denn des Euros Schirm der Rettung

Zeigt uns allen mit Verspätung:

Kommt der zweite Schritt zuerst,

Du nur Chaos uns bescherst.

 

Gedichtliche Alternative zur Einheit

Einheizen mit Einheitsdenken

und dem Volk den Euro schenken,

auch den Bachelor und Master

alle sind sie Einheitslaster,

aber nur auf dem Papier,

drunter blüht die Vielfalt hier:

wo oben Etiketten schwindeln,

steckt die Einheit in den Windeln.

 

Drum hat man heut Dekadenzen,

dadurch dass man Differenzen

nicht zuerst bereinigt hat,

sondern nur an dessen statt

Einheit hat uns vorgespiegelt,

Verschiedenes hat gleich besiegelt,

unten drunter aber gärt es,

dieses Vorgeh‘n war verkehrtes!

 

PDF-Datei
This post was downloaded by 688 people until now.

Tags: , , , ,

2 Responses to “Leon Neschle 71 (37. Woche 2011)”

  1. Arno Buchler Says:

    Lieber Leon Neschle,

    auch zur Erklärung von Dingen die aus gesellschaftlicher und gesamtwirtschaftlicher Sicht Unsinn sind, ist die Frage erhellend welche Interessen und Interessensgruppen jeweils dahinter stehen. Um diese orten zu können: “Zu wessen Nutzen ist/war es ?”

    Bachelor/Master: Wie Sie beschreiben, ist die Einführung der Bachelorabschlüsse eine erhebliche Abwertung der bisherigen Hochschulabschlüsse.

    Die Abschlüsse der VWA, FH, UNI-D1 und UNI-Voll wurden juristisch auf das Niveau eines Abiturs bspw. in den USA (Bachelor = Bedingung zur Hochschulzulassung) reduziert. Ich kann aus leidiger Erfahrung versichern, dass bspw die Kenntnisse eines US-Wirtschaftsbachelors nach Abschluss längst nicht das Niveau eines hiesigen Industriekaufmanns, Bankkaufmanns, Spedikaufmanns etc. erreichen. Es ist eben nur ein Abitur per Definition und der Highschoolabschluss bestenfalls entsprechend einer hiesigen mittleren Reife, die ggf. dazu berechtigt in weiteren drei Jahren ein Abitur (Bachelor) zu erwerben.

    Mir ist nicht klar welche Interessen zur Bereitscheft dieser de jure Abwertungen geführt haben könnten, ausser dass die “Underdogs” (auch die USA) sich damit ohne jede Zusatzleistung auf das Niveau bspw. der Hochschulabschlüsse der deutschsprachigen drei Länder aufschwingen durften. Genau genommen musten sie sich noch nicht einmal selbst aufschwingen, sondern wurden sogar träger Weise hinaufgeschwungen.

    Mir fällt noch etwas weiteres ein: Im Zuge des Lehrstellenmangels und der Ohnehinbegrenztheit der Aufnahmefähigkeit von Akademikern (auch) durch die deutsche Wirtschaft, ist es doch für manche Interessensgruppen schön, wenn für (dejure) nur leichtakademische Bachelorabsolventen auch nur leichte Gehälter bezahlt werden müssten und Geld für die Ausbildung von Azubis muss auch nicht soviel aufgewendet werden, denn die Studenten und die Steuerzahler bezahlen das Studium. Spielen solche Motivlagen etwa auch eine Rolle?

    Herr Neschle, ich bitte um Ergänzung durch Ihr freigeistiges Insiderwissen.

    Zur EU und zum Euro möchte ich mich an dieser Stelle aus nicht genannten Gründen nicht äussern. Konzepte sind auch bei mir käuflich zu erwerben.

    Mit den besten Grüßen

    Arno Buchler

  2. tut nix zur sache Says:

    Es ist wie es ist….die größten Verfechter einer Theorie die es galt in die Praxis umzusetzen und andere begeistern sollte blicken heute zurück mit Schadenfreude……eigene Konzepte reifen nicht zur Frucht und Ernte die man vor Jahren propagandierte…es gab zuerst viele dann immer weniger Zuhörer…auch das ist ein Rückblick mit Schadenfreude…..?? Aber wer freut sich und wer hat den Schaden?

Leave a Reply