Leon Neschle 82 (49. Woche 2014)

Make-up und Wettkampfvorbereitung als allegorische Bildungsbeihilfen

Mein Hund ist gut ausgebildet, aber nicht gebildet. (Neschle)

Es gibt kein englisches Wort für Bildung. Education meint Ausbildung. Der Bologna-Prozess verurteilt auch uns zur Ausbildungspolitik. Doch unsere Politiker nennen es immer noch „Bildungspolitik“. So schwindeln sie mit dem Etikett „Bildung“. (Neschle)

Studierende haben es nicht leicht heute. Man wirft ihnen Passivität vor, eine „Kultur der prüfungstechnischen Abklärung“ (Was genau soll ich tun, um die Klausur zu bestehen?) anstelle des „Willens zur inhaltlichen Aufklärung“. Sie seien Punktesammler ohne tieferes Interesse für ein tiefgründiges Verständnis ihres Fachs. Sie ließen lieber eine vorgefertigte Ausbildung über sich ergeben, statt sich mühevoll selbst zu bilden und sich als Unternehmer ihrer Talente zu sehen. Ihre einzige Aktivität sei die Suche nach einem, der sie passiv ausbildet: Nach-Denken in einer intellektuellen Hängematte statt Vor-Denken als geistige Herausforderung.

Wie richtig diese Beobachtungen auch sein mögen, sie geben keine Antwort auf die Frage: Warum? Und ein Buch, das diese Frage jüngst stellte, ist voll von Indizien einer punkte- statt inhaltesuchenden Ausbildungsmentalität, doch ohne Antwort auf die selbstgestellte Themenfrage: Warum?[1]

A. Aus Bildung wird Ausbildung a la Bolognese

Es wäre zu billig, NUR „Bologna“ zu rufen, schon weil das Prinzip „post hoc, non propter hoc“ gilt: Danach ist (noch lange) nicht deswegen. Anders als in der Naturwissenschaft muss man bei sozialen Wirkungen die realen Ursachen nicht in der Vergangenheit suchen. Hier kann die reale Ursache in der Antizipation von Erwartungen künftiger Sachverhalte liegen. Dann liegt die Ursache zeitlich hinter der Wirkung. (Das ignorieren Vertreter des ökonomischen Mainstreams in statistikschwangeren Erfolgsfaktoruntersuchungen, siehe dazu Neschle 81).

Die politische Ursache für „Bologna“ liegt zeitlich nach „Bologna“: Es ist die Furcht vor dem internationalen Versagen Deutschlands als (Aus-)Bildungsstandort. Doch Bologna ist wiederum nur EINE, aber nicht die einzige Ursache der Wirkungen, die wir an unseren Studierenden heute beobachten müssen.

Die Vereinheitlichung internationaler Aus-Bildungsstandards kam im Kern als stupide Übernahme angelsächsischer Ideale. Dort dominiert Aus-Bildung (Education) den beruflichen und akademischen Bereich. Dies dokumentiert sich durch die Gleichheit der Titel: Bachelor (Geselle) und Master (Meister) für Handwerker und Akademiker.

In Deutschland verfolgte man unterschiedliche Konzepte. Im beruflichen Bereich dominierte die Aus-Bildung, selbst wenn zuweilen sogar von „beruflicher Bildung“ die Rede ist. Dabei wird das, was ein Ausbilder tut, kopiert: Lernen durch Nachmachen steht im Zentrum. Gesellen- und Meister gab es in Deutschland nur hier.

Im akademischen Bereich dominiert dagegen Bildung als eigenständiger und selbstverantworteter Reifungsprozess. Dessen (vorläufigen) Abschluss bildete das Diplom. Das Wort „Ausbildung“ hört man hier selten, sein Gebrauch hat aber im Bologna-Prozess zugenommen. Politik und Hochschulleitungen sind seither vom Ausbildungsdenken multiresistent infiziert und versuchen, auch noch die letzten Fakultäten mit dem Bologna-Keim zu infizieren. Vielerorts ist deren Immunsystem bereits zusammengebrochen. Unter einem nie gekannten Druck auf die akademische Freiheit werden Bildungskonzepte der Ausbildungsideologie geopfert. Die Verschulung hat Schule gemacht an Deutschlands Unis und in NRW allemal heftiger und hässlicher als im Süden der Republik. (Neschle weiß, wovon er spricht: Er kommt gerade von einer Tagung seiner Fakultät, will aber hier nicht aus dem Nähkästchen plaudern.)

Hinter „Bildung“ und „Ausbildung“ stehen ganz andere Konzepte: Mein Hund ist eben gut ausgebildet, aber nicht gebildet. Den Unterschied kann man aus Sicht der Lehrenden am besten mit zwei Metaphern verdeutlichen: der Bildhauer für die Ausbildung, der Gärtner für die Bildung.

Der Bildhauer formt seine Skulptur unter Beachtung der Formen des Ausgangsmaterials ganz nach seinem Gusto. Dabei setzt ihm sein Material an verschiedenen Stellen ungleichen Widerstand entgegen. Das kann ihn im Einzelfall zwingen, die Skulptur anders als vorgeplant auszubilden. Aber immer es ist seine Vorstellung, die er verwirklicht. Eigentlich müsste daher der Bildhauer (DozentIn) die Note dafür bekommen und nicht sein Material (die Studierenden).

Daher wundert es nicht, dass mit dem Vordringen des Ausbildungsdenkens auch die Umkehrung der Benotung aufkam, die der DozentInnen durch die Studierenden. Die Verantwortung für schlechte Ausbildung liegt nun allein beim Dozenten. Peinlich ist nur, dass Studierende die DozentInnen am besten bewerten, bei denen sie mit bescheidenem Aufwand gute Noten erreichen. Wenn die Ausbildungs-Ziele gute Noten und möglichst viele Kreditpunkte sind, ist das im Sinne einer persönlichen Strategie nur konsequent. Aber sind es nicht die falschen Ziele? Sicher für eine Bildungsphilosophie, für die ich den Gärtner als Metapher wähle.

Auch der Gärtner muss seine Pflanzen in Form bringen, sie ab und zu beschneiden. Sie bilden sich aber immer wieder neu. Dabei nehmen sie nach individuellem Bedarf die ihnen gebotenen Hilfen, Wasser und Dünger, an und auf. Der Gärtner freut sich an ihrem Wachstum und wird öfter als der Bildhauer von ihrer Entwicklung überrascht. Auch nachdem die Pflanze der Obhut des Gärtners entwachsen ist, entwickelt sie sich fort und ist anders als die Skulptur des Bildhauers in der Lage, sich zu vermehren. Die Skulptur dagegen gilt allenfalls anderen Bildhauern als Vorbild.

Im Bildungsverständnis hat der Lehrende seinen Auszubildenden keine Kopiervorlagen zu liefern, sondern Orientierung, Motivation und Anregung zur eigenständigen Entwicklung zu geben. Über Inhalte, die er akzeptiert, ablehnt oder speichert, entscheidet ganz allein der Bildungssuchende. Den Preis bekommt daher nicht der Gärtner, sondern seine schönen Pflanzen. Verdient haben Studierende eine gute Zeugnisnote eigentlich nur bei diesem Bildungskonzept, beim Ausbildungskonzept gebührt sie vor allem dem Dozenten.

Was Bildung ausmacht, tritt uns nach der Internationalisierung durch Anglisierung der Universitas weder im Begriff „education“ entgegen noch im „training“, das mir ein amerikanischer Konsul als Äquivalent zur deutschen „Bildung“ anbot, nachdem er zugeben musste, mit „education“ zu scheitern. „Literacy“ meint nur „Belesenheit“ als Resultat, nicht aber den Bildungsprozess. „Bilde Dich selbst!“ verlangt im Englischen „Activate and develop your brains!“ oder „Make-up your brains!“, wenn man dabei nicht nur an das äußerliche Auftragen von Bildung („Besserwisserei“) denkt. Vielleicht müsste man mit „Braining“ ein Wort erfinden, doch ich fürchte, das würde eher als „Gehirnjogging“ durchgehen.

Das Bildungsverständnis deutscher Akademiker war dagegen nie identisch mit „Ausgebildet-Werden“ oder dessen Ergebnis. Die mit Education verbundene Verschulung war allen Studierenden und Studierten hierzulande ein Graus und ist es zum Teil heute noch. Zum Verständnis des Folgenden ist es notwendig, sich in diesem Sinne wieder als Bildungssuchender und Unternehmer seiner Arbeitskraft zu verstehen. Denn es geht um strategische Bildungsplanung eines Studierenden für sich selbst. Und die hat zwei metaphorische Vorbilder: Schminken und Wettkampfvorbereitung.

B. Bildungserwerb und Schminktechnik – Die Basisstrategie

„Make-up your brains!“ könnte also gut den Weg zur eigenen Bildung nennen, wenn man beachtet, dass jedes Beispiel ein wenig hinkt. Denn beim Schminken geht es um Äußeres, bei der Bildung um Inneres, erst recht bei der „Herzensbildung“, die für Neschle wärmer daherkommt als die „emotionale Intelligenz“.

Wie beim Schminken fängt bei der Bildung alles mit der Grundierung an. Aber es ist nicht so einfach, Grund(lagen)wissen zu identifizieren. Selbst als Professor begreift man die Grundlagen seines Fachs erst nach Jahren der Lehre. Dann lohnt es sich nicht mehr, ein Lehrbuch zu schreiben, denn die Zahl der eigenen Studierenden nimmt bereits ab. Die meisten Lehrbücher werden daher nicht von den erfahrungs- und kenntnisreichen „Poor Dogs“ geschrieben, sondern von umtriebigen „Rising Stars“, die unbedarft glauben, sie hätten die Grundlagen ihres Fachs schon verstanden, obwohl sie gerade erst dabei sind, sie sich zu eigen zu machen.

Das ist letztlich sogar gut so. Denn die Grundlage eines Fachs bildet das Allgemeine, abstrakte Denk-, Erklärungs- und Handlungsmuster. Wie aber soll die ein Student verstehen, der bislang mit konkreten Einzelfakten konfrontiert war? Da kommt ihm ein „Rising Star“ seines Faches in der Mitte entgegen. So finden sich in Standard-Lehrbüchern separate Modelle über Lagerhaltung und Kassenhaltung, während Modelle für die Vorhaltung personeller Kapazitäten oder Informationsspeicherung sogar fehlen, obwohl all diese Probleme auf denselben Denkmustern beruhen.[2]

Wer auch immer die Basis legt und wie immer sie gelegt wird: Es kann und wird regelmäßig Bereiche geben, wo trotz guter Basisarbeit Schwächen verbleiben, also trotz guter Grundierung der Ansatz eines Pickels zu erkennen ist. Dann sind weitere Defensivaktivitäten gefragt: Das Auffüllen eines Bildungskraters bzw. das Abdecken eines Pickels. Diese Sondermaßnahmen erfordern besonderen Aufwand, besondere Mittel und eine besondere Technik. Im Studium können das zum Beispiel Tutorien sein. Ihr Ziel: die Beseitigung von Lücken und Glättung der allgemeinen Grundlage.

Eine solche Funktion könnte auch eine zweite Grundierung haben, die quer zu der ersten verläuft. Einer Einführung in die funktionale BWL als Basisveranstaltung könnte ergänzend eine Einführung in eine der institutionellen BWLs folgen, etwa Handels- oder Bankbetriebslehre. Diese zweite Grundierung quer zur ersten verbessert das Grundverständnis und gibt den folgenden Aktivitäten mehr Halt.

Denn auch danach geht es bei der Bildung wie beim Schminken. Der defensiven Anfangsphase folgt die Phase, in der nun die individuellen Vorteile offensiv herausgearbeitet werden. Dies geschieht am deutlichsten in der Abschlussarbeit, deren Thema (mit Note) für jedermann separat sichtbar das Zeugnis ziert. Hier wird man den Teufel tun und das Thema da zu platzieren, wo man noch Defizite verspürt. Da würde die Note kaum zufriedenstellend ausfallen. Im Gegenteil: Diese Arbeit sollten Studierende thematisch dort platzieren, wo sie sich ihre Zukunft ausmalen, wo sie glauben, sich wohlzufühlen und größeren Herausforderungen stellen zu können, wo sie jetzt schon stark sind und noch stärker werden können. Mit diesem Schlusspunkt geben sie eine Visitenkarte ihrer persönlichen Stärke. Es sind die schönen Augen oder der schöne Mund, die zu allerletzt geschminkt werden, um genau dahin die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken.

Doch schon vor diesem Schlusspunkt gilt es von Defensivmodus und dem Zuschütten von Bildungskratern in den Offensivmodus zu kommen. Während der Defensivmodus auf eine gemeinsame Bildungsbasis zielte, dies später dazu dient, auch bei unterschiedlichen Schwerpunkten kommunizieren zu können, geht es beim Offensivmodus um fokussierte Gestaltung persönlicher Bildungsschwerpunkte, um die Entwicklung der eigenen Bildungspersönlichkeit. Dazu werden Lehrformen angeboten, die das, anders als eine Vorlesung, erlauben: Seminare. Für die praktische Befähigung gilt das vor allem für Fallstudien-Seminare, meist „Case-Studies“ genannt.

Seminare sind sehr vielfältig. Die banalste Form ist die, in der es so aussieht, als habe der Professor keine Lust zu lehren. An seiner Stelle bittet er Studierende Teile seiner Vorlesung zu übernehmen und vor ihren Kommilitonen vorzutragen. Diese Seminare finden sich vor allem in den Geisteswissenschaften und sind bei Zuhörern nicht beliebt. Wer lässt sich schon gern von mittelmäßig begabten und im Vortrag ungeschulten Dilettanten einer akustischen Folter unterwerfen? Den Vortragenden selbst ermöglichen sie allerdings, sich im selbständigen Vortrag zu üben.

Im Gegensatz zu Seminaren, die auf die Meta-Ebene der Literatur und ihre Aufarbeitung fixiert sind, geht es in Fallstudien um die Objekt-Ebene realer Vorgänge und Ereignisse. Dabei gibt es eine minder anspruchsvolle Form, die eigentlich keine echte Fallstudie ist, weil sie sich an einer literarisch existierenden Musterfall-Studie orientiert. Mittlerweile geben vor allem amerikanische Universitäten mit Musterlösungen versehene Musterfallstudien heraus. Den Studierenden wird nun im Seminar der Musterfall vorgestellt, der z.B. Blackberry oder Nokia heißt. Dann sollen sie in individueller Heimarbeit ihre Lösung erarbeiten, die der Dozent dann anhand der „Musterlösung“ diskutiert und bewertet. Viel Esprit und viel Kreativität sind nicht dabei.

Diesem Fallstudienmodell mit bescheidener Individualisierung steht ein anspruchsvolleres Modell gegenüber, das Neschle schon vor über zwanzig Jahren in Zusammenarbeit mit holländischen Hochschulen entwickelt und bis heute weiterentwickelt hat. Hier entfalten Studenten aus einer Gruppe heraus ihre Fallstudie eigenständig unter einem vorgegebenen Oberthema, etwa „Turn-Around Management“. Dabei ist ihnen erlaubt historische, aktuelle oder auch künftige, fiktive (= denkbare) Fälle zu wählen. Anders als beim der oben geschilderten Fallstdientyp mit der typisch amerikanischen „positiven“ Musterlösung sind sogar verpasste oder verpatzte Turnarounds als Gegenstände der Gruppenstudie erlaubt, etwa der Fall Schlecker.

Bei der Zusammensetzung der Gruppen werden die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass erfolgreiche Fußballmannschaften nicht allein aus Stürmern oder Verteidigern bestehen. Eine Erfolgsgruppe zeichnet sich dadurch aus, dass sie Schwerpunkt-Positionen mit unterschiedlichen Talenten besetzt. Deren Gemeinsamkeit besteht jedoch darin, dass sie an einem Strick ziehen: und zwar in derselben Richtung!

Jedes Gruppenmitglied sollte auf der Position zum Erfolg beitragen, wo es sich am stärksten fühlt. Hier geht es also nicht darum, dass eine(r) mit Mathematikphobie die Investitionsrechnung übernimmt, um eine Schwäche auszumerzen. Die Position einer Gräfin Zahl sollte z.B. eine Studentin einnehmen, die im Studium genau dort ihre Stärken festgestellt hat. In dieser Position kann sie in dieser Fähigkeit noch stärker werden. Im Teamverbund gilt das so für alle Gruppenmitglieder.

Außer der schriftlichen Fallstudie, die in der wissenschaftlichen Form einer Abschlussarbeit gleicht, müssen die Gruppen zwei weitere Leistungen erbringen:

1. In einem Tagebuch (Diary) sollen sie das „Making-of“ ihrer Fallstudie nachvollziehbar machen, den Gruppenprozess zur Lösung. In der formalen Gestaltung sind sie frei, z.B. auch Fotos oder Cartoons kreativ zu integrieren. Selbst das Format ist in das Belieben der Gruppe gestellt und funktionierende Gruppen machen daraus z.B. so etwas wie ein kommentiertes Fotobuch.

Dieses Diary hat im Wesentlichen drei Funktionen:

a. Rationalisierung des Gruppenprozesses für die Gruppe selbst, Verbesserungsansätze für weitere Studie und Stärkung von Fähigkeiten im Sinne eines Studiums generale,

b. Nachvollziehbarkeit des Gruppenprozesses und seiner inhaltlichen und sozialen Probleme für den Dozenten, woran sich im Einzelfall auch unterschiedliche Benotungen für einzelne Gruppenmitglieder knüpfen, weil sie im Lösungsprozess besonders positiv ,oder negativ auffielen

c. Andenken für die Studierenden an eine intensive Phase gemeinsamen und koordiniertem Studiums. Dies sorgt dafür, dass das Diary noch nach Jahren zur Erinnerung hervorgeholt wird und die Beziehung zur Alma Mater festigt.

2. Im „Gruppenvortrag“ sollen die Ergebnisse der Fallstudie präsentiert werden. Der ist keine simple Wiedergabe der schriftlichen Ergebnisse. Die Vortragenden sollen, anders als beim platten Ergebnisvortrag, ein besonderes Szenario für ihre Zuhörer entwickeln: z.B. eine Pressekonferenz, eine Podiumsdiskussion oder Besprechungen eines Beratungsteams, wo die Zuhörer „Mäuschen spielen“ und die Entwicklung der Lösung nachvollziehen können. Weitere kreative Elemente können zum Beispiel sein: die Wahl der Perspektive (Studie aus Unternehmens-, mündlicher Vortrag aus Nachfragersicht) oder die fiktive Verlegung des Zeitpunkts (Studie aktuell, Vortrag fiktiver Zukunftstag, der Ausblick ist und Rückblick ermöglicht). Bei aktuellen Vorträgen wird zudem verlangt, dass Entwicklungen zwischen der Abgabe der schriftlichen Studie und dem mündlichen Vortrag integriert werden.

Alle drei Elemente: Studie, Tagebuch und Präsentation, erlauben jedem Teilnehmer unter Wahrung der Gruppensynergie ein individuelles und offensives Sich-Bilden mit dem Ziel einer Weiterentwicklung persönlicher Stärken. Aus Neschles Sicht ist das die charakteristische Lehrform für die aktuelle Leitfigur betrieblicher Führung: den Intrapreneur. Anders als Verwalter und Manager stellt der sich nicht nur der Herausforderung, eine vorgegebene Arbeit ordentlich und ethisch verantwortlich zu erledigen (Verwalter) oder mit Blick auf wirtschaftliche Effizienz zu verbessern (Manager). Er entscheidet auch darüber, was zu tun ist. Er stellt folglich auch das Geschäftsmodell und die strategische Ausrichtung der Unternehmung in Frage. Damit tut er für die betriebswirtschaftliche Praxis das, was in diesem Essay für ein selbstverantwortliches Management der eigenen Bildung empfohlen wird: Er fungiert als Unternehmer.

C. Bildungsabschluss und Wettkampfvorbereitung – Die Fassadentechnik

Noten und Zeugnisse bilden die Fassade von Bildung und Ausbildung, eine Fassade, die mehr oder weniger Gutes dahinter verheißt. Ob zu einer guten Fassade ein entsprechender Bildungsinhalt gehört, lässt sich statistisch recht zuverlässig mit JA beantworten. Im Einzelfall aber kann es erhebliche Abweichungen geben. Das liegt unter anderem an Prüfkriterien, Prüfungsumständen, Prüfskalierung und Vorbereitung der KandidatInnen auf die Prüfungen, in denen ihr (Aus-)Bildungsstand begutachtet wird. Von allen (erlaubten) Einflussgrößen auf die Zeugnisnoten kann der Kandidat auf seine Vorbereitungen den größten Einfluss nehmen.

Wie aber bereitet man sich optimal auf eine Prüfung vor? Bei der Antwort auf diese Frage half mir unabsichtlich ein Leistungssportler. Der brachte ausgezeichnete Klausurergebnisse, obwohl er in den Lehrveranstaltungen häufig fehlte. Bei ihm stellte ich fest, dass er sich auf Klausuren wie auf einen Wettkampf vorbereitete. Das schloss folgende Überlegungen ein:

1. Was wird im Wettkampf von mir gefordert?

2. Wie kann ich mich darauf einstellen?

3. Wie kann ich dafür trainieren?

4. Wie schaffe ich es, pünktlich zum Klausurtermin in Topform zu sein und den Prüfer von meiner Leistungsfähigkeit zu überzeugen?

Diese Fragen geht Neschle jetzt der Reihe nach an:

1. Was wird bei der Klausur von mir gefordert? Hier machen Studierende den ersten Fehler. Viele glauben, eine Prüfung diene dazu festzustellen, ob sie den Stoff „verstanden“ haben. Aber „Verstehen“ ist eine passive Leistung, Klausurschreiben eine aktive. Es fordert Studierende auf, das Gelernte in der Sprache des Dozenten zu artikulieren. Klausurteilnehmer müssen zeigen, dass die Englisch sprechen, nicht nur verstehen können. Wer den Unterschied zwischen passiver und aktiver Sprachkompetenz kennt, wird auch den zwischen passiver und aktiver Sachkompetenz erkennen. Selbst wenn es in Vorlesungen auf passive Fähigkeiten ankam, geht es in der Klausur um aktive.

2. Wie kann ich mich auf die Klausuranforderung einstellen? Wie also kann der Student in der Sprache des Dozenten reden? Dazu gibt es zwei Methoden, eine fundierte und eine oberflächliche. Die oberflächliche wird durch den frühen und permanenten Prüfungsdruck in Bachelor- und Masterstudium begünstigt:

a. Willst Du in der Sprache des Dozenten reden, kannst Du ihn nachzuäffen wie ein Papagei. Modulares Abprüfen direkt nach der letzten Vorlesung begünstigt eine Entscheidung für diese Methode. Denn es fehlen Zeit und Muße, die Sprache des Dozenten und ihre Inhalte tiefer zu erlernen:

Neschle zeigte viel Anerkennung für eine slowenische Sängerin, die ihre englischen Songtexte perfekt zu beherrschen schien. Als er mit ihr auf der Bühne „performte“, musste er erkennen, dass diese Fähigkeit nur einem lautschriftlichen Text zu verdanken war: Sie sprach kein einziges Wort Englisch.

Genau so machen es die „Büffelstudenten“. Sie trichtern sich reproduzierbares Wissen ein, das sie in Wirklichkeit nicht verstehen. Sie kommen zum Prüfungserfolg, wenn Übungsaufgaben in leicht veränderter Form als Klausuraufgaben übernommen werden. Im Extremfall schließen sie sogar mit „sehr gut“ ab, obwohl sie den Stoff gedankenlos eingepaukt haben und gleich nach der Prüfung wieder vergessen.

b. Die Studierenden lernen wirklich die Sprache des Dozenten. Bei Diplom-Abschlüssen war das möglich und üblich. Da hatte Wissen Zeit, sich zu setzen. Da konnte man sich als Studierender einlassen auf Inhalte statt sie nur zu büffeln. Diese Zeit scheint vorbei wie Neschles Erfahrungen mit einer „Skandal-Klausur“ zeigen, die einfacher war als ihre Vorgängerklausuren, deren Lösungen aber gebüffeltem „Wissen“ unzugänglich waren. 50 Prozent der Studierenden nahm die Klausur nicht in Angriff und ein Shitstorm mit mehr als zehntausend Klicks brach über Neschle herein, gespickt mit Beschwerden und Beleidigungen (siehe Neschle 75 und 76). Dies zeigt, wie sehr „reines Büffeln“ seit Bologna in Mode gekommen ist.

3. Wie kann ich für die Klausur trainieren? Dafür braucht man eine Trainingsphilosophie und einen Trainingsplan. Die Trainingsphilosophie macht nach dem Ziel auch den Weg dorthin klar. Üblicherweise werden Aufbau-, Intensiv- und Wettkampftraining miteinander kombiniert.

Es beginnt mit vorlesungsbegleitendem Aufbautraining. Danach folgt das Intensivtraining anhand einer Verdichtung des Stoffes, z.B. mit dem Spickzettelverfahren, wobei davon bei der Klausur abgeraten wird. Parallel zum Intensivtraining setzt man von Zeit zu Zeit ein Wettkampftraining an, bei dem man die Klausuraufgaben unter Klausurbedingungen immer genauer simuliert.

Im Trainingsplan wird die zeitliche Reihenfolge festgehalten. Dabei plant man von Klausurtermin rückwärts und setzt strategische Meilensteine für das Erreichen von Zwischenzielen.

4. Wie erreiche ich pünktlich meine Topform? Zunächst kann man sagen, wie man sie mit Sicherheit nicht erreicht: Falls man für den letzten Tag vor der Klausur Intensiv- oder Klausurtraining vorgesehen hat. Es gibt nämlich mentalen Muskelkater und Gehirnkrämpfe, die einem die geistige Kraft und Beweglichkeit bei unerwarteten Klausurfragen nehmen. Der „Ochs vorm Berg“ ist eine typische Folge mentaler Überforderung unmittelbar vor der Klausur.

Was also stattdessen? Die eiserne Regel: Am letzten Tag vor der Klausur nur leichtes Aufwärmtraining. Am vorletzten Tag muss alles gelaufen sein. Danach geht es nur noch um die mentale Einstellung auf den Typ und die typischen Fragen und Lösungsmethoden. Die Konzentration auf den Prüfungsstil ist wichtiger als die auf die Prüfungsinhalte, denn die sollen bereits „stehen“.

Während man sich dieser Fakten zu Diplom-Zeiten erst gegen Ende des Studiums bewusst sein musste, weil die entscheidenden sechstündigen Klausuren erst da zu bestehen waren, sollten angehende Bachelor oder Master sich beizeiten damit auseinandersetzen. Hier zählt schon die erste Note für den Abschluss. Und weil alles bröckchenweise abgeprüft wird, feiner gesagt „modular“, ist der Studierende nicht mehr gezwungen, an seinem Studierende sein gesamtes Studium noch einmal Revue passieren zu lassen und in einen Gesamtzusammenhang zu integrieren.

Anstelle des gut überdachten Bildungsgebäudes am Ende der Diplom-Studiengänge ist der modulare Wissenssteinbruch der Bachelor- und Masterabschlüsse getreten. Deren Notendurchschnitt ist deshalb ein schlechterer Indikator für die Leistungsfähigkeit Studierender am Ende ihres Studiums. Denn der angelsächsische Prüfungsmodus bevorzugt Frühstarter. Wer also meint, dessen Noten gäben bessere Auskunft über das Endergebnis, den muss ich ebenso enttäuschen wie den, der meint das Bildungsergebnis habe sich dadurch verbessert: Wie sollte das auch, wo der Angelsachse nur „Ausbildung“ kennt und nicht einmal ein Wort für „Bildung“ hat. Wie man hierin einen Fortschritt für die Bildung unserer Studenten sehen kann, dafür fehlen mir nun die Worte.

 

Planung der eigenen Bildung

Lässt Du Dich fallen, lässt Dich machen,

kann über „Bildung“ ich nur lachen.

Es ist beim Ausgebildetwerden

Doch wie bei Hunden oder Pferden.

Von USP gibt’s kaum ne Spur,

ersetzbar bist und bleibst Du nur.

 

Doch hast vom Schminken Du ‘ne Ahnung,

verstehst Du auch die Bildungsplanung.

Als erstes solltest Du grundieren,

das wirst Du später sicher spüren.

Denn ist die Basis schwach und dünn,

kriegst Du den Aufbau auch nicht hin.

 

Sollt noch ein Schwachpunkt übrig sein,

dann deck‘ ihn ab, sonst mach ihn klein.

Der Anfang ist ganz defensiv,

das ist im Grunde primitiv.

Doch dann im weiteren Verlauf,

gibst Du die Defensive auf.

 

Je weiter Dich die Bildung bringt,

wird offensiver sich geschminkt.

Statt Deine Schwächen zu verstecken,

gilt es nun Stärken zu entdecken.

Und dann betonst Du, was schon stark ist,

wo Du alleinstehst, ja autark bist.

Und fühlst Du Dich dann stark wie nie,

so ist das Deine USP.


[1] Vgl. dazu Christiane Florin, Warum unsere Studenten so angepasst sind. Reinbek 2014. 1968 hätte das Buch vermutlich geheißen: Warum unsere Professoren so angepasst und unsere Studenten so angepisst sind.

[2] Vgl. Rainer Elschen: Was ist das Allgemeine in der „Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre“?, in: Unternehmenstheorie und Besteuerung, Festschrift zum 60. Geburtstag von Dieter Schneider, hrsg. v. Rainer Elschen, Theodor Siegel und Franz W. Wagner, Wiesbaden (1995), S. 205 – 227.

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